Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Die aktuelle Hitzewelle hat eine interessante Folge: Untertags sind die Kirchen ungewöhnlich bevölkert. Beim Bummel durch die Innenstadt umweht das alte Gemäuer wohl die Hoffnung auf Abkühlung mit schattiger Sitzgelegenheit. Und es ist ja schön, dass katholische Gotteshäuser fast immer geöffnet sind, um sich im Alltag kurz auszuruhen und vielleicht eine Kerze und ein Gebet dort zu lassen.

Doch als ich neulich nicht nur zur Abkühlung, sondern zum Innehalten in einer großen deutschen Kathedrale ein wenig verweilen wollte, schallten mir schon beim Betreten Geräusche entgegen, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen: dieser hysterische Lärmpegel eines Frauenkränzchens. Aufgeregtes Gackern, ein sich mit Crescendo steigerndes Flüstern, gefolgt von lautem Gekicher. Mein Gehör täuschte mich nicht: Eine Gruppe Frauen hatte sich relativ weit vorne im Kirchenschiff platziert und lehnte über die Bänke, um sich ausgiebig zu unterhalten und dabei gemütlich ihr Vesperbrot zu verzehren. Ich versuchte sie zu ignorieren. Es misslang – zu laut und komisch, was die Damen da von sich gaben. Und sie waren nicht alleine: Weitere Besucher spazierten durch den Kirchenraum und unterhielten sich in ungenierter Lautstärke.

Man kennt das zwar von großen Kirchen, die Touristen anziehen, etwa vom Petersdom in Rom, den ich nur noch in den ganz frühen Morgenstunden besuche, denn je später der Tag, desto mehr hat man das Gefühl, in einem gigantischen Museum zu stehen statt in einem Kultraum mit Tabernakel und Heiligengräbern, an denen Pilger beten möchten. Leider wird von kirchlicher Seite hier wenig eingegriffen. Ja, es gibt sie in Rom, die abgetrennten Bereiche für stilles Gebet oder die "Silenzio"-Mahner, die zumindest in der Sixtinischen Kapelle die Besucher durch ihre "Ruhe"-Rufe ermahnen – doch vielerorts gibt es dergleichen nicht.

Vor ein paar Jahren hat das Netzwerk "Etikette Trainer International", ein freier Zusammenschluss von Stilberatern, zehn Gebote des Anstands für den Aufenthalt in Kirchen formuliert. Diese sind dabei noch sehr zurückhaltend: von längerer Kleidung (kurze Hosen sind erlaubt), Männern ohne Kopfbedeckung und dem Verbot von Essen ist da die Rede. Das Verhalten an jenem heißen Sommertag, das mich letztlich sehr schnell aus der Kirche vertrieb, hätte den Etikette-Profis wahrscheinlich die Sprache verschlagen.

Dabei sind Kirchen ja nicht die einzigen Stätten, die Respekt einfordern: Wenn ich beispielsweise eine Moschee besuche, ziehe ich selbstverständlich die Schuhe aus und trage ein Kopftuch. Das wird meistens ja auch freundlich, aber bestimmt verlangt. Diese Hilfestellungen für unwissende Besucher gibt es in katholischen Kirchen nur begrenzt: Sie enden oft an der Kirchentür als Schilder, die auf die Kleiderordnung hinweisen. Doch mit schwindendem religiösem Wissen werden immer mehr Menschen, die es einfach nicht besser wissen, im Kirchenraum allein gelassen – es fällt schwer, ihnen unpassendes Verhalten dann zum Vorwurf zu machen. Auch "Silenzio"-Rufer habe ich in Deutschland noch nicht erlebt. An diesem heißen Sommertag hätte ich sie mir sehr gewünscht.