Der erste Satz dieses Romans ist ein kleines Kabinettstück: "Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren." Wer tut so etwas und aus welchem Grund? In was für eine Gesellschaft geraten der 14-jährige Nathaniel, der Erzähler dieser Geschichte, und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel? Was soll aus den beiden werden? Gerade ist der Krieg vorbei, aber geordnet sind die Verhältnisse noch lange nicht, auch nicht in London, wo dieses fragwürdige Arrangement nun eine elternlose Jugend prägt.

Der kanadische Erfolgsautor Michael Ondaatje hat sich mit Akribie in eine kurze, ratlose Periode der britischen Geschichte hineinrecherchiert. Die Rede ist von den Jahren unmittelbar nach Kriegsende, einer Zeit, die in der Geschichtsschreibung kaum vorkommt, weil ihre unheroischen Ereignisse dem späteren Selbstbild der Briten widersprechen. In sie verlegt Ondaatje seine Erzählung über zwei Halbwüchsige. Sie sind keine Akteure ihrer Epoche, sondern staunende Beobachter – und müssen sich doch darin zurechtfinden. Das Buch spielt mit Wissenslücken und Verunsicherungen, es ruft ein Grundgefühl der Verstörung auf, denn sein Held ist zwar wach und gescheit, aber er durchschaut die Dinge nicht, jedenfalls nicht ganz – und so zieht Ondaatje den neugierigen Leser mit, so geschickt, wie es sonst nur John le Carré einfädelt.

Der Vater werde die Unilever-Vertretung in Singapur übernehmen, heißt es, und die Mutter müsse unbedingt mit ihm reisen. Eine Zeit lang soll ein älterer Mann die Betreuung übernehmen, den die Kinder den "Falter" nennen, weil er sich ungelenk bewegt und ein wenig unheimlich aussieht. Der Falter jedoch erweist sich als verlässlicher Erziehungsberechtigter, er sorgt für Essen und Regelmäßigkeit, und er räumt den Kindern, schlechte, eher aufsässige Schüler, viele Freiheiten ein. So übel ist es mit ihm also nicht. Er scheint auch kein Schwerverbrecher zu sein, jedenfalls droht Nathaniel und Rachel keine Jugend à la Charles Dickens.

Das Elternhaus in den Ruvigny Gardens bevölkert sich nun mit den seltsamsten Gestalten. Ihre Interessen und Funktionen bleiben unklar, aber sie sind freundlich, manchmal sogar liebenswürdig. Ein weiterer Mann taucht auf, den sie den "Boxer von Pimlico" nennen. Der Boxer wird bald zur wichtigsten Bezugsperson für Nathaniel, er ist ein vierschrötiger, fideler Cockney, den Frauen zugetan und Windhunde nach England schmuggelnd, wo eine Manie der Windhundrennen ausgebrochen ist.

Die Kinder nehmen das neue Leben mit Falter und Boxer an, auch dann noch, als sie entdecken, dass die Mutter gar nicht abgereist ist, sondern nur untergetaucht, während um die Geschwister offenbar eine bizarre Inszenierung kreist, ein Tarn- und Lügenspiel, über dem bleiernes Schweigen liegt. Was wissen sie wirklich über ihre Mutter? Zu wenig. Sie war im Krieg Funkerin und hat einmal mit dem Falter zusammengearbeitet.

Ondaatje führt den geheimdienstlichen Hintergrund dieser Geschichte behutsam ein, ohne einen Geheimdienst-Roman zu schreiben. Vielmehr nutzt er das vom Genre erzwungene hartnäckige Verbergen der Wahrheit, um ein ganz besonderes Erwachsenwerden zu schildern, eine Jugend, die ein Aufbruch ins Ungewisse ist. Im ersten Teil gelingen ihm atmosphärisch dichte Passagen, eindringlich deshalb, weil die Bedeutung fast aller Ereignisse undurchsichtig bleibt, für den Erzähler genauso wie für den Leser. Und gleichzeitig ist das Ganze ein schattenhaftes Idyll: Nathaniel gleitet in der Nacht auf dem Boot des Boxers durch die Seitenarme der Themse, an verlassenen Zollhäusern und Werften vorbei durch eine halb vergessene, beinahe mythische Landschaft um die Hauptstadt. Er erlebt seine erste Liebesaffäre in leer stehenden Häusern, streicht durch rußige Straßen, tut dies und jenes, aber nichts, was mit Zukunft zu tun hat: reine Gegenwart.