Der Kauf von Schokoriegeln hat mit der Hüft-OP eines lahmenden Schoßhündchens viel mehr gemein als auf den ersten Blick erkennbar. In beiden Fällen landet das Geld, das man dafür ausgibt, oft bei dem amerikanischen Konzern Mars. Der ist zwar vor allem für Snickers, Bounty, Twix oder eben Mars bekannt. Doch die Manager in der Firmenzentrale in McLean im Bundesstaat Virginia haben noch ein zweites Großprojekt: Sie machen ihren Konzern zum weltgrößten Betreiber von Tierkrankenhäusern.

Seit Mars im vergangenen Jahr neun Milliarden Dollar für das Unternehmen VCA Animal Hospitals bezahlte, das über 800 Tierkliniken und 60 tiermedizinische Fachlabore betreibt, kontrolliert der Süßwarenhersteller mehr als 2000 veterinäre Krankenhäuser und Praxen. Sie heißen Banfield Pet Hospitals, Bluepearl oder Pet Partners und sind vor allem in den Vereinigten Staaten und Kanada aktiv. Nun drängt Mars auch nach Europa. Vor wenigen Wochen kündigte der Konzern die Übernahme der schwedischen Kette AniCura an. Zu ihr gehören 194 Tierkliniken in mehreren Ländern – 30 davon in Deutschland. Der Deal, teilt Mars mit, sei "der strategische Eintritt in den europäischen Markt".

Die Nachricht von der Übernahme steht für eine kaum beachtete Entwicklung, die sich in rasanter Geschwindigkeit vollzieht: die globale Konzentration im Geschäft mit der Gesundheit von Haustieren. Neben Mars kaufen auch Private-Equity-Firmen und Investmentbanken wie KKR oder Morgan Stanley kleinere Ketten, um sie zu größeren zusammenzulegen oder rentabler zu machen. Die deutsche Futterkette Fressnapf plant eine Vielzahl eigener Tierarztpraxen. Der Schweizer Finanzinvestor Ufenau Capital setzt auf Spezialisierung und kauft nach Angaben auf seiner Homepage "eine führende Pferdeklinikgruppe im deutschsprachigen Raum" zusammen. Acht Spezialkliniken mit 130 Tierärzten bieten von Chirurgie über Orthopädie und Intensivmedizin bis hin zu Akupunktur und Homöopathie ein riesiges Behandlungsarsenal an – alles fürs Pferd.

Mit Verzögerung passiert nun bei den Tierkliniken, was bei Krankenhäusern für Menschen schon vor Jahren geschehen ist. Und ähnlich wie bei den Menschen zeichnet sich auch bei den Vierbeinern eine Zweiklassenmedizin ab: Während Nutztiere wie Schweine, Masthähnchen oder Rinder oft nur selten einen Tierarzt sehen, weil Fleischindustrie und Aufsichtsbehörden deren Kontrollen systematisch behindern (ZEIT Nr. 24/18), werden Hamster, Hund und Hase medizinisch teilweise ähnlich liebevoll umsorgt wie sonst nur Selbstzahler in einer privaten Schönheitsklinik.

Es gibt zahlreiche Gründe, die diese Entwicklung erklären. Der wichtigste: Genügend Menschen geben Geld dafür aus. Ihre Haustiere werden auch in schlechten Zeiten konsequent und auf hohem Niveau durchgefüttert. Das belegen Zahlen aus den USA, wo die Konzentrationswelle unter den Tierkliniken ihren Ausgang nahm. Erhebungen des staatlichen Bureau of Labour Statistics zufolge leben dort 218 Millionen Haustiere, Aquarienfische nicht mitgerechnet. Mit durchschnittlich 502 Dollar pro Jahr geben Haustierbesitzer in Amerika für ihren vierbeinigen Liebling weit mehr aus als beispielsweise für Kinderkleidung (404 Dollar) oder Bücher und Zeitungen (115 Dollar). Selbst während der letzten Wirtschaftskrise änderte sich das nicht wesentlich.

Auch in Deutschland sind Vierbeiner längst ein relevanter Wirtschaftsfaktor, wie die Volkswirtschaftlerin Renate Ohr von der Universität Göttingen 2014 in einer Studie ermittelt hat. Demnach halten Heimtiere hierzulande einen Wirtschaftszweig am Leben, der jährlich 9 Milliarden Euro Umsatz verzeichnet. 2,1 Milliarden Euro davon entfallen auf die Gesundheit. Ein Hundebesitzer lässt Ohr zufolge durchschnittlich jedes Jahr 140 Euro beim Tierarzt, ein Katzenliebhaber 60 Euro.

Es kann aber auch schnell teurer werden: Muss beispielsweise ein Pferd nach einem Knochenbruch operiert werden, finden sich umgehend mehrere Tausend Euro auf der Klinikrechnung – die Kosten für eine folgende Reha kommen obendrauf. Zwar gibt es längst spezielle Krankenversicherungen für Tiere. Bei Pferden kann eine gute Police, die Operationsrisiken abdeckt, trotz Selbstbeteiligung aber weit über 100 Euro monatlich kosten.

Der Tierarzt-Konzern

Zu Mars gehörende Tierklinikketten mit der Anzahl ihrer Filialen

Unternehmensangaben © ZEIT-Grafik: Jelka Lerche

Die hohe Zahlungsbereitschaft für die Gesundheit der Vierbeiner lässt sich unter anderem mit einer veränderten Rolle des Haustieres erklären. Kaum ein Hund liegt heute noch an der Kette vor der Haustür oder döst draußen im Zwinger. Er ist Freund, Seelentröster oder gleich vollwertiges Familienmitglied, um dessen Gesundheit sich Herr- und Frauchen ebenso sorgen wie um die eines Kindes. Bei anderen Tieren verläuft die Entwicklung ähnlich. "Seit einiger Zeit steigt die Wertschätzung gegenüber Nagern deutlich", sagt Veterinärmediziner René Reinhold, der Geschäftsführer der zu Fressnapf gehörenden Praxiskette Activet. "Früher wurden kranke Meerschweinchen oder Kaninchen häufig eingeschläfert, heute lassen ihre Besitzer sie eher behandeln."

Trotz der hohen Zahlungsbereitschaft gelingt es vielen Tierärzten aber nicht, davon in nennenswertem Umfang zu profitieren. Recherchen von Activet zufolge sind gegenwärtig fast 40 Prozent aller Praxen in Deutschland "nicht oder kaum rentabel". Das habe unter anderem mit der veralteten Gebührenordnung zu tun, sagt Thomas Steidl von der Landestierärztekammer Baden-Württemberg, die dort erlaubten Sätze seien einfach zu niedrig. "Seit den Siebzigerjahren müssen Tierärzte Reallohnverluste hinnehmen", sagt er. Hinzu kommt: Viele Tierärzte sind Einzelkämpfer und denken eher medizinisch als unternehmerisch. In ihrer Ausbildung hatte Ökonomie nie einen hohen Stellenwert. Die Tierärztliche Hochschule Hannover, hierzulande eine der führenden Ausbildungsstätten, hat das Problem erkannt und bietet in diesem Sommersemester ein neues Wahlpflichtfach zur Ökonomie in der Tiermedizin an.