Das Zusammenkneifen der Augenlider ist rasch zur Gewohnheit geworden. Schon am Höhlenausgang gleißt das Licht, die Hand schiebt sich vor die Stirn, was es auch nicht leichter macht, stolperfrei über die steinige Erdoberfläche zu laufen. Doch wie nach jedem Auftauchen aus dem Bauch von Matera gewöhnt sich meine Netzhaut langsam wieder an die Sonne, die vom süditalienischen Himmel prallt. Nimmt die Konturen der Felsen wahr, von Tausenden Wohngrotten, unterirdischen Kirchen und Wasserspeichern durchlöchert wie ein Laib Käse.

Matera, die Höhlenstadt, ist ein Wechselspiel ohne Ende. Hinein in das tiefe Dunkel unter Tage, hinaus in eine Monumentalfilmkulisse aus blendend hellem Stein. Hier die Spuren der Misere, die diese archaische Felsarchitektur eben noch beherrscht hat, da die plötzlich gewonnene Glorie. Ein fortlaufendes Drama, das die Wahrnehmung zwingt, sich ein ums andere Mal neu zu eichen.

Sassi, die Steine, so heißen die beiden Stadtteile von Matera, in denen Menschen natürliche Grotten schon vor Jahrtausenden weiter ausschabten, um darin zu beten und zu leben. 15.000 Bewohner pferchten sich noch in den Fünfzigerjahren in den Löchern des Sasso Caveoso und des Sasso Barisano zusammen, hausten mit ihrem Vieh auf wenigen Quadratmetern ohne fließend Wasser oder Strom und sahen ihre Kinder an Malaria, Cholera und Typhus verenden.

Auf den ersten Blick erinnert heute wenig an dieses Elend. Aber Carlo Levi, ein antifaschistischer Künstler und Politiker aus Turin, war fassungslos, als er 1935 in die Lucania verbannt wurde, wie die Gegend, die Region Basilicata, heute noch genannt wird. Zehn Jahre später erschienen Levis Erinnerungen Christus kam nur bis Eboli, in denen er von einem Matera berichtet, das ihn nicht nur wegen der Trichterform der Sassi an Dantes Inferno erinnerte. Levis Bericht über die Not der Höhlenmenschen rüttelte das auf Modernisierung hoffende Italien der Nachkriegszeit auf. Römische Politiker prägten den Titel "Schande der Nation", die Bewohner der Sassi wurden per Staatsgesetz innerhalb weniger Jahre in neu aus dem Boden gestampfte Viertel zwangsumgesiedelt.

Heute nisten Ateliers von Kunsthandwerkern und moderne Museen in den Höhlen, Trattorien und Cafés, über die Gassen verstreute Boutiquen und luxuriöse Hotels, meist nach kitschfreien Vorgaben renoviert und mit dezenten Naturtönen stilvoll ausgestattet. Ein halbes Jahrhundert nur liegt zwischen Matera, dem verschmähten Niemandsland, und Matera, dem place to see . Die Stadt in der außerhalb Italiens wenig bekannten Region zieht seit der Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 noch einmal mehr Besucher an.

Doch je länger ich mich in den Sassi verliere, desto öfter sind es nur die Schwalben, die mit der Stille brechen. Vom Morgengrauen an zischen sie über die beiden Schlünde, an denen sich die Höhlen und ihre Vorbauten wie Bienenwaben ineinander verzahnen. In den Fels geschlagene Sakralhallen mit byzantinischen Wandfresken stehen auf Wohnhöhlen, Zisternen auf Grüften. Es beginnt ein unablässiges Auf und Ab. Die Treppen und steilen Gässchen schlenkern von einer Etage zur anderen, gefertigt aus ungleichmäßigem Steinpflaster, manchmal vom Regen glänzend gewaschen und rutschig, manchmal grobe Brocken, deren Kanten sich durch die Schuhsohlen drücken. Die Sandalen bleiben im Koffer, die mitgebrachten Trekkingschuhe haben sich gelohnt, das Work-out für die Beine gibt es kostenlos. Schnell kommt hier nur die ranke Katze voran, die über meinen Kopf hinweg die vertikale Abkürzung über Mauern und Dächer nimmt.

Tufo nennen sie hier das weiche, helle Gestein, auch wenn es genau genommen kein vulkanischer Tuff, sondern ein spezieller Kalkstein ist. Ständig verändert er seine Farben, leuchtet morgens in Lachstönen, blendet in andalusischem Weiß unter der Mittagssonne und schmeichelt abends in zartem Rosé. Sobald sich dann orange Lichter unter den Schlepphüten der Laternen wie Lampionketten über die Felsen legen, ist es Zeit für den strùscio, wie die Materaner ihr abendliches Flanieren zwischen den Winkeln der Sassi und den Plätzen der Civita, dem höchsten Punkt der Stadt, nennen. Dort oben machen die Höhlenbauten Platz für die romanische Kathedrale, für barocke Kirchen und elegante Renaissancebauten, die sich um hübsche Piazze gruppieren. Man spürt, dass die höchste Etage lange dem besseren Matera vorbehalten war, das höchstens verächtliche Blicke hinab in die Kraterghettos warf.

Etwas weiter abseits, am Rande der Sassi, trudeln in einer versteckt gelegenen Osteria immer mehr Gäste ein. Teller voller Orecchiette, grober Salsiccia und Saubohnencreme, korngelbes Holzofenbrot mit dicker Kruste und tiefroter Aglianico-Wein wandern über die kleinen Holztische, dazwischen baut ein Blues-Duo Mikros und Gitarrenverstärker auf. Die Zeit bis zum Konzert vertreibe ich mir mit ein paar anderen Gästen draußen in der Gasse. "Als wir jung waren, da sind wir nie hier heruntergekommen", erzählt Luca. Er kann noch keine 35 Jahre alt sein, es könnte also an meinem irritierten Blick liegen, dass er sich erklären will: "Es war ja alles dunkel, völlig verfallen." Lächelnd verbessert er sich dann: "Na ja, wir kamen doch manchmal, um heimlich zu rauchen oder um Mädchen zu treffen."

Die Materaner sind leise Süditaliener, warm, aber zurückhaltend und fast immer ein wenig demütig gegenüber der Dramatik, die sie geerbt haben. Fast alle können Geschichten erzählen von Eltern oder Großeltern, die das Elend der Höhlen überlebt und nach der Umsiedlung nie wieder einen Fuß in das historische Matera gesetzt haben. "Meine Oma hat damals ihren Traum erfüllt bekommen", sagt Luca. "Eine Wohnung mit Fenstern! Die auf eine Straße zeigen! Auf der Autos fahren, Autos!"