Unter dem Stichwort #MeTwo wird über Rassismus im Alltag debattiert. Hier berichten nun drei ZEIT-Redakteure, welche Erfahrungen sie in Schulen und Universitäten gemacht haben und fragen: Was muss sich in der Bildung ändern?

Fall 1: "Du kannst nicht objektiv forschen"

Ich kann mich noch gut an den Fisch erinnern, den ich ausmalen sollte. Ich habe mich damals für Blau entschieden. Denn das Wasser, das der Fisch ja zum Leben braucht, ist blau. Logisch. Ich war fünf Jahre alt, wir lebten in Frankfurt am Main, und ich musste zusammen mit anderen nichtweißen Kindern in einem heruntergekommenen Grundschulgebäude einen Test machen, der zeigen sollte, ob ich für die Grundschule geeignet war.

Meine Eltern erzählten mir Jahre später, wie die Lehrerin damals über mich gesprochen hat: Ich würde den Stift erstaunlich sicher in der Hand halten, und sowieso hätte ich alle Aufgaben gut gemeistert – zu ihrem Erstaunen. Eigentlich sei ich, sagte die Lehrerin, für die erste Grundschulklasse geeignet, sie empfehle aber dennoch zur Sicherheit ein paar Monate in der Vorschule. Das schade nicht bei Ausländern.

Ein Jahr nach dieser Erfahrung gingen meine Eltern, damals schon jahrzehntelang als sogenannte Gastarbeiter in Deutschland, zurück in ihre Heimat, nach Marokko. Mich nahmen sie natürlich mit, ich war damals sieben, doch das Jugendamt kritisierte sie dafür: Deutschland habe schon so viel in mich investiert, da sei ich bei einer deutschen Pflegefamilie besser aufgehoben! Ich sage mir heute manchmal: Wäre ich nicht in Afrika auf die Schule gegangen, hätten mich die Lehrer und die Bildungspolitik im Hessen der späten Neunzigerjahre vielleicht auf eine Haupt- oder gar Sonderschule geschickt.

Mit meinem exzellenten marokkanischen Abitur und einem Stipendium einer deutschen Stiftung in der Tasche kam ich im Jahr 2007 zurück zum Studium nach Deutschland. Ich war froh, endlich auf eine Hochschule gehen zu dürfen, mich mit klugen und vorurteilsfreien Menschen austauschen zu können und von ihnen zu lernen. Dachte ich zumindest etwas naiv.

Früh in meinem Studium der Politikwissenschaften erklärte mir ein Professor, dass es angeblich eine monokausale Verbindung zwischen Migration und Kriminalität gebe. Belastbare Studien oder gar eigene Erhebungen zu dieser These konnte er nicht liefern. Der Professor war halt der festen Überzeugung, das reichte ihm als Beweis aus. Ich wurde stutzig, auch weil ich immer häufiger hässliche Dinge gesehen habe, die zu Deutschland und seinem Bildungssystem gehören.

Zum Beispiel die Schmierereien in den Toiletten an meinem Institut: "Weiße bleiben an der Macht!" oder "Türken gehören in die Dönerbude! Bewerbungen beim Imbiss am U-Bahnhof". Ich musste miterleben, wie biodeutsche Kommilitonen eine chinesische Austauschstudentin mit einem schlechten japanischen Akzent vor allen im Seminar nachäfften. Ich habe mir Monologe anhören müssen, dass ich als Mohamed nicht objektiv forschen oder schreiben könne. Oft genug erklärten mir dafür kleine und große weiße Wissenschaftler in einem paternalistischen Ton und natürlich super objektiv die Welt. Das nervte nicht nur, diese rassistischen Strukturen an der Universität prägen mich bis heute, vielleicht mein ganzes Leben lang.

Ich bin mir etwas unsicher gewesen, ob ich an dieser Stelle diese Erfahrungen mit einem großen Publikum teilen sollte. Denn es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich auf diesen Text unverschämte bis rassistische Rückmeldungen erhalten werde. Die #MeTwo-Berichte haben ja auch etwas Voyeuristisches. Wir, die von Rassismus betroffenen Menschen in Deutschland, müssen über Schatten springen und jenen, die privilegiert sind und in den meisten Debatten, im Unterricht und in der Forschung, immer nur als Subjekte und nie als Objekte auftreten, von unserem Leid, der Ausgrenzung und den Hürden berichten.

Doch diese Schilderungen sind ein Teil der Heilungskur, Rassismus zu verlernen, den jede und jeder von uns durch eine historisch gewachsene Sozialisierung in sich trägt. Die entsprechenden rassistischen Strukturen finden sich auch im deutschen Bildungssystem wieder.

Es muss umprogrammiert, geöffnet, respektvoll, wertschätzend und inklusiv werden. Rein weiße Schulen zum Beispiel, in denen Kinder aus Akademikerhaushalten unter sich bleiben, sind ein Problem für die Bildungsgerechtigkeit. Die Trennung der Kinder und ihre Verteilung auf verschiedene Schultypen sollte vollkommen unabhängig von der Herkunft geschehen. In das Lehramtscurriculum gehört eine verpflichtende antirassistische Ausbildung.

Hinzu kommt: Die Entscheidungsgremien in Politik und Verwaltung müssen vielfältiger besetzt werden. Die Wissensproduktion an sich muss dekolonialisiert werden, so wie es zum Beispiel schon in der Anthropologie geschieht. Und rassistische (und sonstige menschenfeindliche) Verhaltensweisen an Universitäten und Hochschulen müssen ernst genommen, aufgearbeitet und geahndet werden.

Das alles wiederum können aber nur jene tun, die an den Hebeln sitzen. Und das sind in Deutschland die Weißen.

Fall 2: "Ich wurde von Lehrern positiv diskriminiert"

Meine chinesische Herkunft hat mir beruflich sicher mehr Türen geöffnet als verschlossen. Was ich trotzdem an Deutschland vermisse: Es gibt bis heute keinen selbstverständlichen Umgang mit fluiden, hybriden Identitäten, wie sie aus komplexen Migrationsbiografien hervorgehen. Man wird nicht deutscher, je mehr man das andere in sich ablegt, und umgekehrt. So stellen sich allerdings noch immer viele in diesem Land gelungene Integration vor.

Was mich auch befremdet: ständig für sein Deutsch gelobt zu werden, nur weil ich nicht biodeutsch aussehe. Neulich auf einem Empfang in Berlin: "Wow, wie gut Deutsch Sie sprechen. So ganz ohne Akzent. Wirklich irre!" Solche Sprüche sind nett gemeint, ich weiß schon. Aber bekommt man sie fast täglich zu hören, stellt sich auch nie das Gefühl ein, in diesem Land hundertprozentig angekommen zu sein – obwohl ich schon als Vierjährige nach Deutschland kam.

Über solche Erfahrungen kann man lachen. Andere erleben schlimmere Diskriminierungen im Job. In der Schulzeit hatte ich gelegentlich das Gefühl, von Lehrern positiv diskriminiert zu werden: Ich ging in eine G8-Klasse in Freiburg mit 17 Schülern, von denen sieben einen chinesischen, koreanischen, vietnamesischen oder anderen asiatischen Migrationshintergrund hatten. Natürlich waren wir die Mathestreber mit den Einsen, in den Naturwissenschaften zählten wir immer zu den Besten. Vielleicht trauten uns die Lehrer besonders viel zu. Vielleicht haben wir auch einfach das Klischee der fleißigen Asiaten übererfüllt.