Als ich noch Student in Berlin war und keinen Job hatte, habe ich immer sehr darauf geachtet, was ich trage. Auf jeden Fall Hemd, immer in die Hose gesteckt, Lederschuhe mussten sein. Dass in Kreuzberg wirklich alle scheiße aussahen, hat mich darin nur bestärkt. Dann fing ich an zu arbeiten, und über meine Garderobe nachzudenken wurde viel zu anstrengend. Ich schleppe allerdings noch die Altlasten meiner Studentenzeit mit mir herum. Mein Schrank ist vollgestopft mit Sachen, die ich nicht trage. Um mir selbst zu helfen, habe ich mir angewöhnt, Stücke, die ich regelmäßig anziehe, gar nicht mehr in den Schrank zu legen, sondern auf einen Stuhl neben meinem Bett.

Letztens saß ich mit meiner Freundin Giuliana bei einer Bowl in Hamburg. Giuliana arbeitet in der Werbebranche, wo sich die Leute sehr viel besser anziehen als Journalisten, und sie erzählte mir von einigen Kollegen, die das Projekt 333 ausprobieren. Das spricht man dreiunddreißig drei aus. Die Idee ist, seine Garderobe für 3 Monate auf 33 Teile zu beschränken. Eine Übung in Minimalismus.

Das Projekt wurde von der Amerikanerin Courtney Carver erfunden. Einem breiten Publikum wurde sie bekannt durch die Dokumentation Minimalism: A Documentary about the Important Things in Life, die es auf Netflix gibt. Der (minimalistische) Filmemacher Matt D’Avella porträtiert darin verschiedene Menschen, die versuchen, möglichst wenig Dinge zu besitzen, was bei Leuten, die viele Dinge besitzen, richtig gut ankommt. Eine dieser Personen ist Carver. Ihr Motto – und im Grunde das der ganzen Minimalismus-Bewegung – lautet: Be more with less. Sei mehr mit weniger. Mehr sein finde ich gut.

Hier die Regeln: Unterwäsche zählt nicht zu den 33 Teilen, ebenso wenig wie Sportklamotten. Gezählt werden allerdings sowohl Kleidung (Hose, Jacke, Hemd) als auch Accessoires (Gürtel, Sonnenbrille, Geldbeutel). Ich habe also ausgemistet und am Ende zwei Drittel meiner Klamotten aus meinem Schrank verbannt. Wenn man ihn jetzt aufmacht, sieht man: Hemden (7), Pullis (4), Schuhe (4), T-Shirts (4), Hosen (3), Jacken (3), einen Anzug, bestehend aus Hose und Sakko (2), Gürtel (2), Geldbeutel (1), Sonnenbrille (1), Armbanduhr (1), Stofftaschentuch (1), natürlich mit Monogramm. Der Blick in den Schrank nervt jetzt deutlich weniger. Endlich herrscht Ordnung, was bei so wenig Zeug auch nicht verwundert. Weil ich nur noch wenige Hemden habe, bügle ich immer sofort und hänge sie in den Schrank, statt sie schrumpelig rumliegen zu lassen. Das Gefährliche ist natürlich, dass einem bei dieser Art Beschränkung dauernd einfällt, was man noch so brauchen könnte. Logisch, weil: Man hat ja wenig. Da denkt man: Poloshirts sind ja eigentlich wieder cool, ein, zwei wären schon gut. Oder: Ich brauche ein paar gute Sommerschuhe, zum Beispiel ein paar Penny Loafers. Die würde ich dann ohne Socken tragen, so wie der verdammte Snob, der ich eigentlich bin.

Natürlich muss man auch lernen zu improvisieren, bei so wenig Klamotten. An heißen Tagen greife ich schon mal auf meine Anzughose zurück, weil sie die dünnste ist, die ich habe. Das sieht dann sehr chic aus und führt zu irritierten Blicken vom Büronachbarn. Ansonsten merkt auf der Arbeit niemand, dass ich immer in denselben Klamotten rumlaufe. Nicht mal die Kollegin, die sich noch über mich lustig gemacht hatte, als ich ihr von dem Projekt erzählte – was ich überhaupt nicht verstand, denn aus meiner Sicht kommt sie immer in denselben drei Kleidern zur Arbeit. Aber beim Projekt 333 geht es ja sowieso nicht um die äußere Erscheinung. Das denken nur oberflächliche Menschen. Es geht um den inneren Frieden. Und das Gehirn.

Denn einer der größten Feinde im modernen Leben – und auch ein alter Nemesis von mir persönlich – ist die Entscheidung. Genauer, Mehrzahl, die Entscheidungen. Ich las darüber in der New York Times, über die sogenannte decision fatigue. Je mehr jemand entscheiden muss, umso schlechter werden die Entscheidungen, die er trifft, weil das Gehirn ermüdet. Die Fähigkeit, Dinge zu entscheiden, ist also eine knappe Ressource. Und um sparsam mit ihr umzugehen, reduzieren Menschen, die angeblich über viele und wichtige Dinge befinden müssen, die Anzahl der zu treffenden Entscheidungen in ihrem Leben. Zum Beispiel bei der Kleidung. Das ist der Grund, warum Mark Zuckerberg immer in demselben grauen T-Shirt rumrennt und Steve Jobs immer den schwarzen Rolli trug.

Auch der ehemalige US-Präsident Obama hat, als er noch im Amt war, seine Garderobe reduziert. Der Vanity Fair sagte er: "Ich versuche Entscheidungen zu minimieren. Ich möchte nicht entscheiden, was ich esse oder trage. Weil ich zu viele andere Entscheidungen treffen muss." Mir geht es da genauso wie Obama.