Der ehemalige Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick (Aufnahme von 2013) © Alessandro Bianchi/Reuters

Meine Mutter, sicher ist sie heute eine Heilige, war eine der hingebungsvollsten Katholikinnen, die man sich nur vorstellen kann. Sie besuchte jeden Tag die Messe – an Sonntagen manchmal zweimal! – und befolgte inbrünstig die religiösen Riten. Meine Geschwister und ich wuchsen in einem streng katholischen Haushalt in Philadelphia auf.

Wir fanden es ganz normal, dass unser Haus vollgepackt war mit Statuen der heiligen Maria, Kreuzen, mit Messbüchern voller Heiligenbildchen, katholischen Magazinen und Zeitungen, wundertätigen Medaillen, Skapulieren, Rosenkränzen und Weihwasserschalen. Als meine fünf Brüder alt genug waren, um Messdiener zu sein (damals gab es keine Messdienerinnen), bügelte meine Mutter mit großem Stolz all die Soutanen und Chorhemden, hielt sie sauber und frisch. Niemals empfand sie es als Bürde, wenn sie die Jungen um sechs Uhr morgens zu einer Messe fuhr. Oder wenn sie spätabends in der Kirche wegen einer 40-Stunden-Andacht sein musste. Kam der "Vater", der Priester, zum Essen, war es für sie eine ungeheure Ehre. Sie holte dann ihr gutes Geschirr und die gestärkten Tischdecken hervor.

So kam es mir umso schmerzlicher, ja sogar tragisch vor, dass meine Mutter in ihren letzten Jahren eine geheime Qual, eine tiefe Angst in sich trug: dass "Vater" etwas Schlimmes mit ihren Jungen gemacht haben könnte. Meines Wissens gab es keine Anzeichen dafür, dass so etwas Böses genau einem meiner Brüder passiert sein könnte. Doch die Tragweite der kirchlichen Missbrauchsskandale entsetzte und verfolgte meine Mutter – und unzählige andere katholische Mütter. Diese Frauen sind und waren die Säulen der Gemeinden und Kirchen. Es sind die treu ergebenen Damen, die fromm alle Regeln befolgten, sorgsam die Lektionen jeder Predigt verinnerlichten und alles taten, damit ihre Kinder ihrem Beispiel folgten (an ihnen lag es nicht, dass viele dieser Kinder dann andere Wege einschlugen). Doch dann brachen diese bitteren, tragischen Nachrichten über diese Frauen herein: Die Nachrichten handelten von Priestern und ihren schrecklichen Missbrauchstaten. Man hörte davon in Boston und Philadelphia, in den Gemeinden und Diözesen im ganzen Land. Stiller Schmerz und Misstrauen machten sich unter den Müttern der Ministranten breit. Sie fühlten sich betrogen und entfremdet von einer Kirche, der sie ein ganzes Leben lang ihre uneingeschränkte Loyalität entgegengebracht hatten.

In den vergangenen Wochen verbreiteten sich die Nachrichten über den Missbrauch an einem Kind und mehreren Seminaristen, mutmaßlich begangen durch den Kardinal Theodore McCarrick. Ich dachte zurück an die Gespräche, die ich mit meiner Mutter ein Jahr vor ihrem Tod geführt hatte. Sie war verbittert über die Missbrauchsvorwürfe, über die Heuchelei von Priestern und Bischöfen.

Sie dachte an ihren Vater, meinen Großvater, der als junger Mann in Mailand eine Zeit lang ein Seminar besucht hatte. Er hatte das Seminar verlassen, war in die USA gekommen und hatte in der Erinnerung meiner Mutter nie wieder einen Fuß in eine Kirche gesetzt. "Zwischen mir und Gott ist alles gut", sagte er stets zu ihr. Als sie vom amerikanischen Missbrauchsskandal hörte, fragte sie sich, ob auch ihrem Vater etwas zugestoßen war vor so langer Zeit im italienischen Seminar. Auch hierfür gab es keinen Beleg. Doch der Skandal weckte mehr Zweifel in ihr, schuf mehr Seelenqual. Die einst Treue fühlte sich nun stellvertretend zum Opfer gemacht und driftete noch weiter von der Mutter Kirche weg. Es war wie ein schleichendes Gift.

Die Vorwürfe gegen Kardinal McCarrick wiegen schwer und verstören so viele, die ihn von der Washingtoner Erzdiözese kannten. (Am 28. Juli legte McCarrick sein Kardinalsamt nieder.)

Wir müssen zuallererst die Opfer im Blick haben – ganz gleich, ob sie Minderjährige sind oder junge erwachsene Priester. Eine Person mit enormer Macht, der großes Vertrauen entgegengebracht wurde, soll abscheuliche Taten zur eigenen Befriedigung begangen haben. Könnten die Vorwürfe falsch sein? Nicht ausgeschlossen. Doch offenbar gibt es zahlreiche Quellen, und es tauchen immer neue Berichte darüber auf, dass die Vorwürfe seit langer Zeit bekannt sind. Auch Geld soll geflossen sein. Das ist kein Beleg für Schuld. Es sind aber grundsätzlich keine Umstände, in denen sich irgendein Priester, ein Bischof oder Kardinal wiederfinden sollte.

Wenn die Kirche auf Missbrauchsvorwürfe reagierte, dann ließ sie stets eines vermissen: ein tiefes, ein ehrliches Verständnis für die Schwere der Sünde gegenüber Kindern und anderen Opfern. Sicher, es wurde viel gesagt, es gab viele Gesten, es wurde Geld gezahlt. Aber all die Worte, all die Gesten und auch die Schecks wirkten eher wie der Versuch einer Institution, sich selbst zu schützen, und nicht wie eine ernst gemeinte Buße.

Wir leben in Zeiten, in denen wir geheime Aufnahmen eines Präsidentschaftskandidaten hören können. Sie handeln davon, einen Pornostar auszuzahlen. In diesen Zeiten fragen wir uns vielleicht: Was fehlt mächtigen Männern eigentlich, um das tiefe Entsetzen eines Menschen zu verstehen, dessen Körper missbraucht wurde? #MeToo ist eine Bewegung von Frauen, die durch mächtige Männer misshandelt wurden. Und viele Männer in Machtpositionen (einschließlich des Präsidenten, der die #MeToo-Bewegung schon verspottet hat) reagieren immer noch so, als wäre es wirklich keine große Sache.

Auch Kardinäle und Bischöfe sind nun mal mächtige Männer. Deshalb ist es vielleicht nicht überraschend, dass es ihnen schwerfällt, das große Leid, das Missbrauch verursacht, nachzuvollziehen.