An einem Septembermorgen, direkt nach der Therapiesitzung, kam Monika Kässners* Therapeut mit seinem Auto von der regennassen Straße ab, rammte einen Baum, flog meterweit mit dem Wagen durch die Luft, starb augenblicklich und beendete damit das zerstörerische Verhältnis, das er seiner Patientin aufgezwungen hatte. Sein Tod ließ sie allein und vor allem verwirrt zurück.

Kässner hatte die Therapie bei dem angesehenen Arzt und Psychotherapeuten wegen ihrer Magenbeschwerden begonnen, für die es keine körperliche Ursache zu geben schien. Von Anfang an stimmte mit der Therapie etwas nicht: In der dritten Stunde fing der Therapeut an, Kässner zu duzen. Später nahm er sie in den Arm und streichelte sie, er rief zum Namenstag bei ihr an, um zu gratulieren. Und es wurde noch schlimmer: Er küsste sie und fasste ihr mit der Hand in die Hose, in den Schritt. Das sei Teil der Therapie, sagte er, sie müsse lernen, sich zu öffnen. Nach seinem Tod schämte sich Kässner. Mit ihrem Mann oder ihren Kindern wollte sie nicht über das sprechen, was passiert war. Hilfe fand sie schließlich bei einer Psychotherapeutin. Die bestätigte ihr auch, worüber sich die Patientin nicht einmal sicher war: dass ihr Therapeut sie missbraucht hatte.

Die Ärztin, an die sich Kässner wandte, engagiert sich im Ethikverein e. V. – Ethik in der Psychotherapie. Der Verein wird ehrenamtlich von Therapeuten und Juristen getragen und kümmert sich um Patienten, die missbraucht wurden oder den Eindruck haben, falsch behandelt worden zu sein. Die Vorsitzende Andrea Schleu, Ärztin und Psychotherapeutin, erklärt: "Missbrauch entsteht, wenn Therapeuten das strukturelle Machtgefälle ausnutzen, das in jeder Psychotherapie zwischen dem Therapeuten und dem Patienten besteht." Auf der einen Seite ist ein verwundbarer, ohnehin psychisch kranker und angeschlagener Patient. "Und in der Therapie", erklärt Schleu, "wird die psychische Struktur noch einmal – natürlich nur vorübergehend – aufgeweicht, um eine Veränderung und damit Besserung der psychischen Erkrankung zu erreichen." Der Therapeut auf der anderen Seite reflektiert die psychischen Vorgänge seines Patienten. Regelmäßig entwickeln Patienten in dieser Situation Gefühle und Erwartungen dem Therapeuten gegenüber, die mit ihm eigentlich nichts zu tun haben, sondern aus früheren Beziehungen oder Erlebnissen stammen. Es kann auch dazu kommen, dass sie ihren Therapeuten idealisieren oder sich von ihm sexuell angezogen fühlen. All das müsse der Therapeut wissen, sagt Schleu, "und er darf diese Abhängigkeit unter keinen Umständen für seine eigenen Interessen ausnutzen, in der Psychotherapie gilt das klare Abstinenzgebot" (siehe Kasten).

Trotzdem sind Fälle wie der von Monika Kässner in Deutschland gar nicht so selten. Das legt ein Gutachten nahe, das schon 1995 für das Familienministerium erstellt wurde. Die Autoren schätzen, dass jedes Jahr rund 600-mal ein Therapeut oder eine Therapeutin eine sexuelle Beziehung mit einem Patienten oder einer Patientin eingeht. Dabei handelt es sich meistens um Wiederholungstäter. Auf Anfrage der ZEIT bestätigt auch die Bundespsychotherapeutenkammer, dass diese Zahl "nicht unplausibel" sei. Allerdings hat sich seit dem Gutachten die Zahl der Psychotherapeuten von 10.000 auf über 23.000 mehr als verdoppelt. Es ist also anzunehmen, dass auch die Anzahl der Übergriffe gestiegen ist. Schleu sammelt mit ihrem Verein solche Fälle, insgesamt 980 sind in den vergangenen Jahren zusammengekommen.

Dabei handelt es sich nicht nur um sexuelle Übergriffe. Die Bandbreite des Fehlverhaltens ist riesig. Immer wieder nutzen einzelne Therapeuten die Abhängigkeit ihrer Patienten aus: Sie verkaufen ihnen Häuser zu überhöhten Preisen oder lassen sie das eigene Kind babysitten und den Garten pflegen. Jennifer Kunze* kennt einiges von dem, was passieren kann. Die Rettungssanitäterin wurde von ihrem Therapeuten beispielsweise aufgefordert, eine Operationswunde bei ihm zu verbinden, eine vermeintliche Beinvenenthrombose zu behandeln oder ihn vom Flughafen abzuholen. Ihr Therapeut zog sie im Verlauf der Therapie immer stärker in sein Privatleben hinein und berichtete ihr von anderen Patienten: Zwei von ihnen hätten sich umgebracht, in eine dritte habe er sich verliebt. Aggressiv versuchte er Kunze für die anthroposophische "Christengemeinschaft" zu missionieren, stellte sie anderen Patienten vor und verletzte mehrmals die Schweigepflicht. "Schon früh", erinnert sich Kunze, "hat er mir erzählt, er habe ›Täteranteile‹, die er entgiften müsse." Der Therapeut sprach von Karma und las Kunze aus der Bibel vor. Dann verglich er sie mit Maria Magdalena, die sich prostituiert habe, der Jesus aber verziehen habe, weil sie viel Liebe in sich getragen habe. Die Vorwürfe wirken so abenteuerlich, dass man sie nicht glauben mag – könnte die Rettungssanitäterin sie nicht belegen, mit Screenshots von Handy-Chats und mit unzähligen Mails ihres Therapeuten.

Die Folgen einer falschen Behandlung oder eines Missbrauchs durch den Therapeuten sind unter Umständen verheerend. Kunze wurde als Kind sexuell missbraucht. Der Krebstod ihres Mannes, den sie bis zum Ende zu Hause pflegte, spülte die verdrängten Kindheitserlebnisse wieder in ihr Gedächtnis. Doch statt der Hilfe, die sie in der Traumatherapie suchte, "hat mich die Therapie retraumatisiert", sagt sie. Und sie ist mit der Wahrnehmung nicht allein: "Die Patienten sind verwirrt", sagt Schleu, "sie schämen sich, fühlen sich schuldig und sind kränker als vorher. Viele werden arbeitsunfähig, müssen berentet werden, und im schlimmsten Fall kommt es sogar zum Selbstmord." Wenn aber Patienten unter solchen Bedingungen die Therapie abbrechen, kann es ihnen passieren, dass die Krankenkasse nicht für eine Folgetherapie aufkommt. Zum Beispiel weil die Betroffenen nicht über die Hintergründe des Abbruchs sprechen wollen.