Kopenhagen tickt wie eine vorgestellte Uhr. Die Fahrradwege sind so breit wie anderswo Autobahnen, die Bewohner tragen Kleider, die man auch in Berlin noch nicht zu tragen wagt, und in Cafés bezahlt man mit dem Smartphone, was selbst Kreditkarten steinzeitlich wirken lässt. Es ist ein wenig, als würde man in die Zukunft schauen. Das gilt vor allem für Nørrebro, das Studentenviertel. Was hier angesagt ist, verkauft sich später auch woanders gut. Hier treffe ich meine alte Studienfreundin Amelie, eine Katzenaugensonnenbrille schützt sie vor der Abendsonne, sie lebt seit einigen Jahren in Nørrebro und weiß nicht nur, was man hier trägt, sondern auch, wo man sich trifft. Das Gaarden & Gaden ist ihre Lieblingsbar. Vor Betonwänden schaukeln Grünlilien in Bastkörbchen, Anwohner sitzen an den Tischen und plaudern mit Kellnern, als wären sie Freunde.

Wir setzen uns an die Bar, in der Karte finde ich neben Cocktails vor allem Weine. Noch bevor ich mich entschieden habe, unterbricht mich ein leises "Hej". Der Barkeeper trägt ein ungebügeltes Shirt, Meersalz hat sein Haar verklebt, und wenn ich nicht wüsste, dass diese Bar weit weg vom Hafen ist, hätte ich geschworen, dass er für seine Schicht nur kurz sein Boot draußen festgemacht hat. Sein Name ist Klaus. Seine taugeschundenen Finger trommeln im Takt der Jazzmusik auf den Tresen, die andere Hand tunkt einen Rührlöffel in ein Kristallglas. Das soll mein erster Drink werden.

Klaus ist ein stummer Diener. Er spricht auch dann nur wenig, wenn man ihn etwas fragt, aber wenn er etwas sagt, weiß er, wovon er spricht. Von Naturwein zum Beispiel, der Spezialität dieses Ladens. Ich verspreche, beim nächsten Mal ein Glas zu probieren, denn vor mir steht nun ein "Ti’ Punch". Zucker, Eis, Limette, fünfzigprozentiger Rum. Ich huste, Klaus lacht, und seine Zahnlücke blitzt hervor. Mein Blick bleibt ungeniert lange daran hängen, bis Amelie mich anstupst und auf einen Getränkespender zeigt, der auf der Bar steht. "Noch ein To-Gro-Ni?", fragt sie. Ich verstehe nicht sofort. Im Glasbottich leuchtet eine blutrote Flüssigkeit. "Negroni", erklärt Amelie, "den gibt’s hier auch zum Mitnehmen." Besser nicht, denke ich, wir sollten weiterziehen, bevor der Alkohol mich mutig macht und ich Klaus frage, ob ich mit auf sein Boot darf. Also – wohin? "Ins Gensyn", sagt Klaus. Und warum? "Der Chef ist so talentiert, dass andere Barkeeper in seine Bar gehen, um von ihm zu lernen."

Wir nehmen eine Abkürzung durch einen Friedhof, auf Sandwegen knirschen wir vorbei an den Gräbern von Søren Kierkegaard und Hans Christian Andersen. Fünfzehn Minuten später erreichen wir das Gensyn. Auf dem Tresen steht eine Schachtel Cohibas, weiter hinten rollen Billardkugeln über roten Samt. Beim Blick in die Karte stelle ich fest: Der "Ti’ Punch" war abgeguckt. Anscheinend kommen Trends nicht immer aus dem hippsten Kiez.

Das Gensyn liegt in einem Stadtteil, in dem eigentlich niemand eine Bar aufmachen würde: Frederiksberg, mehr Wohnort als Ausgehviertel. Der Besitzer steht sogar selbst hinterm Tresen. Er heißt Terkel, und ich frage zweimal, ob ich den Namen auch wirklich richtig verstanden habe. Auf seinem Shirt steht in roten Lettern "100 % Corazón". Wer so viel Herz hat, steckt es womöglich auch in seine Cocktails, also bitte ich ihn, mir seinen liebsten zu mixen.

Seit einigen Jahren trinken Großstädter gern Craftbeer, das gilt auch für Dänen. Vor allem Sauerbier ist hier beliebt, eigentlich eine belgische Spezialität, absichtlich vergoren und dadurch trüb wie Apfelmost. Genauso sieht der Drink aus, den Terkel mir serviert. Ein "Queen Bee". Der eischneefeste Schaum schmeckt nach Cuja-Maja-Split, und als der Goldsaft, den er verdeckt hat, meine Zunge erreicht, denke ich an Zuckerwatte auf dem Schützenfest. Den Gin schmecke ich kaum, aber ich spüre ihn schnell. Gerne hätte ich auch noch den "Italian Milkshake" probiert (Olivenöl, Eiscreme und Fernet-Branca!) . Aber Amelie hat andere Pläne: "Eigentlich endet ein guter Abend in einem ranzigen Pub", sagt sie. Terkel widerspricht: "Aber ihr wollt ja was entdecken." Er empfiehlt das Lidkoeb, Kopenhagens "Fun-House", bestellt ein Taxi und schickt uns nach Vesterbro, ins Bahnhofsviertel.

Das Taxi hält vor einem Supermarkt am Rande einer vierspurigen Straße: Ob wir hier richtig sind? Dann sehe ich die Pfeile an der Hauswand. Sie weisen uns den Weg in einen Hinterhof. Zwischen hohen Bäumen steht ein altes Backsteinhaus. Über der Tür hängt ein Holzschild: "Vesterbro Apotheke". Früher wurden hier Salben und Tinkturen gemischt, und wer auch immer diesen Laden eingerichtet hat, hat es geschafft, den Charme jener Zeit zu erhalten. Wären da nur nicht diese vielen Menschen.

Ich lasse mich von der Menge treiben. Eine Holztreppe schraubt sich über drei Etagen hinauf bis ins Dachgeschoss. Unter den Schrägen finde ich eine Whiskey-Bar. Gerne würde ich hier meinen letzten Drink bestellen, aber ich finde keinen Platz. Also wieder runter in den zweiten Stock, in dem die Gäste sich um schwere Holztafeln sammeln. Ich bestelle einen "Hyggelig Martini": Gin, Aquavit und Pampelmusenöl sollen in mir auslösen, was ich mir von einer Bar eigentlich erhoffe: hyggelige Gemütlichkeit.

Doch mein Drink kann mich nicht trösten: Das Glas ist klein und nackt, eine Sternanisblüte schwimmt auf der Flüssigkeit wie ein vergessener Rettungsring. Sehnsüchtig schiele ich zum Nachbartisch hinüber. Dort haben alle den gleichen Drink bestellt. Etwas namens "Mælkeskæg", mit Cachaça, Sanddorn-Sirup, Kondensmilch und Aquavit. Ob er denn schmecke? Die blonden Damen verneinen. Sie seien extra vom Festland nach Kopenhagen gereist, um in diese Bar zu gehen, sagen sie. Und nun seien sie enttäuscht.

Amelie zieht die Katzenaugenbrille aus dem Haar und mich zu sich heran. Gegen den Tumult der Stimmen kommt ihre kaum an, aber auf ihren Lippen lese ich die Worte: "Suchen wir uns einen ranzigen Pub?"