Wenn ich erzähle, dass ich meine Kurse nur für Männer anbiete, denken viele gleich: Da geht’s doch bloß um Sex. Oder dass nur Homosexuelle in meinen Unterricht kommen, um miteinander abzuhängen. In gewisser Weise kann ich diese Vorurteile ja verstehen, aber nach zehn Jahren als Lehrer für Nackt-Yoga weiß ich: Sie treffen trotzdem nicht zu.

Mein Unterricht ist weder eine Partnerbörse noch eine Vorstufe zur Sexparty. Tatsächlich kommen zu mir genauso viele Männer, die homosexuell sind, wie Heteros. Die meisten genießen es einfach, nackt und mal nur unter Männern zu sein. Ein Bedürfnis, das mit der sexuellen Orientierung nichts zu tun hat. Natürlich gibt es manche Männer, die sich von meinen Kursen mehr versprechen. Damit von Anfang an keine falschen Vorstellungen aufkommen, nehme ich für den Unterricht besonders breite Matten – so hat jeder ausreichend Platz für sich. Während der Figuren schauen wir zudem alle in dieselbe Richtung. Das verhindert, dass man durch die baumelnden Geschlechtsteile der anderen abgelenkt wird.

Auf die Idee kam ich vor zehn Jahren, als ich vom kanadischen nude yogi Aaron Star erfuhr. Zu mir kommen nicht nur geübte FKK-Gänger – wie ich im Übrigen einer bin. Viele Männer sind tatsächlich einfach neugierig und wollen mal ausprobieren, wie sich Yoga ohne Kleidung anfühlt. Nach ein paar "Sonnengrüßen" und "herabschauenden Hunden" haben sich meistens auch die Schüchternsten an die neue Situation gewöhnt. Dass ich persönlich mit Nacktheit nie Probleme hatte, liegt vermutlich auch daran, dass meine Eltern körperlich sehr frei waren. Nach dem Duschen ohne Kleider durch die Wohnung zu laufen war bei uns normal. Als ich das erste Mal vor meinem Kurs stand, war ich natürlich aufgeregt. Mittlerweile macht es für mich jedoch keinen Unterschied, ob nackt oder nicht nackt.

Der Vorteil von Nackt-Yoga: Es gibt keine Kleidung, die am Hintern zwickt oder einem am Ende schweißnass am Körper klebt. Dadurch konzentriert man sich noch stärker auf die Figuren, kommt zu einer tieferen Entspannung und nimmt sich intensiver wahr. Nackt zu sein und sich mit anderen Nackten zu umgeben entspannt außerdem den Blick auf den eigenen Körper. Natürlich gibt es immer jemanden, der besser trainiert ist als man selbst oder auf dem Rücken weniger Haare hat. Aber je mehr man sich mit nackten Menschen umgibt, desto gnädiger wird man sich selbst gegenüber.

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