Es gibt in diesem Sommer kaum eine verwegenere Urlaubsidee als die, in Deutschland spontan ans Meer zu fahren. Wo soll man da unterkommen? St. Peter-Ording ist seit Wochen ausgebucht, Timmendorfer Strand brechend voll, Warnemünde auch. So ist es überall an den Küsten. Die meisten Quartiere der Nord- und Ostseebäder sind belegt bis zum allerletzten verfügbaren Beistellbett. Von Borkum bis Sylt, von Flensburg bis Heringsdorf hat der Juli 2018 den Orten am Meer Besucherrekorde beschert.

Andererseits: Wann, wenn nicht jetzt, sollte der Tourismus brummen? Es ist Hochsaison, es sind Schulferien, und seit Monaten scheint in Deutschland so viel Sonne, als läge es am Mittelmeer. "In Zeiten wie diesen", sagt ein Hotelier, "kriegt doch jeder an der Küste noch die letzte Gartenlaube vermietet."

Doch nicht nur in Rekordsommern wie diesem boomt der Tourismus an deutschen Küsten. Man sieht es im Kleinen an einem Ostseebad wie Rerik, das seit 1997 seine Übernachtungszahlen verzwölffacht hat. Man sieht es im Großen an Statistiken, wonach Mecklenburg-Vorpommern zwischenzeitlich Bayern als beliebtestes Urlaubsziel im Inland abgelöst hat und wo Schleswig-Holstein bei den Zuwächsen mit vorn liegt. Einen Eindruck von diesem Boom erhält auch jeder, der mal auf einer Nordseeinsel eine bezahlbare Ferienwohnung gesucht hat. Oder der liest, dass Travemünde gerade dabei ist, mit neuen Hotels und Appartementanlagen seine Bettenzahl zu verdoppeln.

"Reisen ans Wasser und ans Meer liegen im Trend", sagt Ulf Sonntag von der Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. Das begünstigt Deutschlands Küstenorte. Gleiches bewirkt der demografische Faktor: Es gibt immer mehr Ältere, von denen viele im Hochsommer die Mittelmeerhitze meiden und lieber hierzulande baden gehen, Wander- oder Natururlaub machen. Die Küsten profitieren zudem von der Heimatliebe der Deutschen, die ihre Urlaubsreisen (ab fünf Tage) immerhin zu 30 Prozent im eigenen Land verbringen. Ein Wert, der seit annähernd 20 Jahren stabil ist.

Anders als oft kolportiert wird, ist es nicht so sehr der Terror im Ausland, der den Tourismus an Nord- und Ostsee ankurbelt. Die meisten Deutschen, die aus Furcht nicht mehr nach Ägypten oder in die Türkei reisten, seien auf andere Mittelmeerziele ausgewichen, sagen Fachleute. Die Hauptgründe für den Boom an den deutschen Küsten liegen dortselbst. Schon im Radius von zwei, drei Autostunden um Hamburg findet man viele Touristenorte, die sich in jüngerer Zeit stark weiterentwickelt haben. Am deutlichsten fällt der Wandel an der Ostsee in Schleswig-Holstein auf.

Unlängst noch wähnte man sich zwischen Glücksburg und Travemünde wie auf einer bleiernen Zeitreise in die Siebzigerjahre. Auf trostlosen Waschbetonpromenaden, die aussahen wie zu groß geratene Kegelbahnen; in vorsintflutlichen Ferienwohnungen und Hotels mit dem Charme von Rehakliniken. Dazwischen eine in die Jahre gekommene Pizzeria oder ein Imbiss, der vermutlich seit der Wikingerzeit keinen neuen Anstrich mehr bekommen hatte.

In den Nullerjahren ließ der Tourismusverband das Image der Region ermitteln. Das Ergebnis fasste er schonungslos so zusammen: Man habe ein Image wie Heidi Kabel und Uwe Seeler. Grundsolide, nett – aber völlig aus der Zeit gefallen.

Ganz anders entwickelte sich Mecklenburg-Vorpommerns Küste: Mit viel Fördergeld und Pioniergeist wurden dort seit den Neunzigerjahren ganze Landstriche runderneuert. Von Kühlungsborn bis Zingst, von Rügen bis Usedom gingen touristische Leuchtturmprojekte an den Start. "Unsere Erfolge", sagt ein Mecklenburger Touristiker, "haben die Kollegen in Holstein wachgerüttelt." Dadurch wurde an der Küste ein Grundprinzip der deutschen Einheit auf den Kopf gestellt: Um nicht abgehängt zu werden, eiferte nun der Westen dem Osten nach.

Seit Anfang des Jahrzehnts, als im Osten Subventionen ausliefen, erneuert sich Holsteins Ostseeküste an einigen Stellen derart grundlegend, wie man das von Vorher-nachher-Shows im Fernsehen kennt. Manches biedere, verschlafene Seebad hat sich in eine coole Strandschönheit verwandelt.

Ein Paradebeispiel ist Heiligenhafen, der letzte Ort auf dem Festland vor Fehmarn. Er hat sich für 5,5 Millionen Euro ein neues Wahrzeichen gegeben: eine 435 Meter lange "Erlebnis-Seebrücke" in Zickzackform und teils auf zwei Etagen, mit Sonnen- und Badedeck. Der Bau war 2012 das Startsignal für Hoteliers und Gastronomen, in Heiligenhafen zu investieren. Die Zahl der Übernachtungen wuchs 2017 um ein Viertel. Neue lässige Strandherbergen wie die Bretterbude des Hoteliers Jens Sroka schufen ein jüngeres Flair und vereinzelt auch Irritationen. In einer Hotelbewertung schreibt jemand: dass das Personal ihn und seine mitreisenden 80-jährigen Schwiegereltern konsequent und ungefragt geduzt hätten, sei "vorsichtig formuliert – gewöhnungsbedürftig".