Der neue heiße Ort der Berliner Kunstszene liegt ziemlich versteckt über einem Textildiscounter, ausgerechnet an der als übel und gefährlich bekannten Ecke Postdamer Straße/Kurfürstenstraße. Über ein unauffälliges Treppenhaus gelangt man in die 250 angesagten Quadratmeter: den Projektraum PS120. Schon bei der Eröffnung Ende April wurde er euphorisch aufgenommen. Seither gibt es hier eine Trilogie zum Oberthema "Migration" zu sehen, die etablierte Positionen wie Rosemarie Trockel, Professorin an der Kunstakademie Düsseldorf, mit jungen internationalen Talenten kombiniert.

Der Projektraum PS120 reiht sich damit in eine lange Liste ungewöhnlicher Kunsträume ein, die in den vergangenen Jahren im ganzen Land entstanden sind – mit der Motivation, vieles anders zu machen als die etablierten Galerien und Institutionen.

Die neuartigen Kunsträume hatten einen berühmten Vorläufer. Die Haasestraße in Berlin-Friedrichshain war einst ein Ort, an dem sich Raver und Russen "Guten Morgen" sagten. Während sich die einen, aus einem Club taumelnd, bemühten, nicht umzufallen, legten die anderen Wert darauf, nicht aufzufallen. Verwilderung prägte das Bild, von Graffiti übersäte Mauern verliehen der Gegend einen Hauch von "Gangland". Nichts für Touristen, aber angesichts niedriger Mieten und der Rauheit des Territoriums ein Traum für Künstler. Weswegen 2001 auf einem der anliegenden Grundstücke in einer Garage einer der interessantesten Kunstorte der jüngeren Vergangenheit entstand: Das "Autocenter", dessen Ausstellungsliste sich wie ein Who’s who der Gegenwartskunst liest.

Anders als die meisten der ungefähr 150 nicht kommerziellen Berliner Off-Spaces, die oft nur von einem überschaubaren Umfeld getragen werden, entwickelte sich das von den Künstlern Maik Schierloh und Joep van Liefland initiierte Projekt zu einer stadtweiten Institution. Das lag an wilden Happenings wie einem von Jonathan Meese, Markus Selg und Erwin Kneihsl, zeitgenössischen Künstlern aus Deutschland und Österreich, initiierten "Oktoberfest". Und vor allem am eigenwilligen kuratorischen Konzept, das offen für jedwedes besondere, vieldeutige Material war.

Als das Autocenter 2015 nach mehreren Umzügen geschlossen wurde, erschien es unrealistisch, dass ein ähnliches Projekt angesichts der Dynamik des Berliner Immobilienmarkts nochmals an den Start gebracht werden könnte. Doch der aus New York stammende Kunsthistoriker und Kurator Justin Polera probierte es trotzdem.

Mittlerweile ist er der kuratorische Direktor des Projektraums PS120 und erklärt sein ambitioniertes Vorhaben folgendermaßen: "Inoffiziell war es unser Wunsch, mit PS120 eine Version der Kunstgeschichte der Nachkriegszeit zu erzählen, die nicht allein auf den großen Namen basiert." Dass derartige Projekte nicht günstig zu haben sind, schreckte ihn nicht ab. Zur umgebenden Galerienszene und zu den im Hintergrund beteiligten Immobilienentwicklern pflege man freundschaftliche Beziehungen.

Anders ist man im Hamburger 8. Salon aufgestellt, der sich in den Räumen der ehemaligen Stadtteilbibliothek in St. Pauli befindet. Erkennbar im Programm ist ein subkulturelles Ethos, auch auf aktuelle politische Themen wird reagiert. Unter dem Motto "Verkehrsprobleme einer Geisterstadt" wird derzeit angesichts des Jahrestages des G20-Gipfels und der Krawalle über den "nicht erklärten Ausnahmezustand" geredet, und es werden "Thesen über die Politik der Spannung, postmoderne urbane Kriegsführung und den Sicherheitsstaat" diskutiert.

Doch den Machern geht es um mehr als Untergründigkeit, wie Roberto Ohrt, einer von fünf Betreibern, erklärt, wenn er die Mischung aus Bibliothek, Atelier und Forschungseinrichtung beschreibt: "Wir wollen verschiedene Fragen produzieren, die auch für uns selbst eine Herausforderung sind: Was kann man in so einem Raum machen? Wie können wir das Konzept Ausstellung erweitern? Wohin kommen wir, wenn die Grenzen zwischen Produktion, Forschung und Präsentation durchlässiger werden?" Die Arbeit vieler herkömmlicher Galerien sieht er kritisch: "Man meint im Inneren dieses Geschäftsmodells, man wüsste genau, was notwendig ist, um Erfolg zu generieren, kommerziellen Erfolg in erster Linie. Da wird dann allerhand heiße Luft produziert, um den Künstlerinnen und Künstlern vorzumachen, was professionell sei." Diese Gewissheiten wolle er auflösen.

Auch Nina Pettinato, künstlerische Leiterin des Münchner Kunstraums BNKR, schätzt das Potenzial der Freiräume: "Nicht kommerzielle Kunsträume erweitern den Kunstdiskurs, indem sie auf experimentell-unkonventionelle Weise Themen behandeln, die, bedingt durch die Mechanismen des Kunstmarktes, in kommerziellen Galerien oder auch städtischen Institutionen wenig oder kaum Beachtung finden." Der BNKR befindet sich in einem Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der in eine Luxuswohnstatt mit eigener Kunsthalle verwandelt wurde. Zum Herbst eröffnet eine Serie von vier Ausstellungen, die von dem Berliner Lukas Feireiss kuratiert wurde und der künstlerischen Wahrnehmung von Raum gewidmet ist.

In Berlin fördert der Senat seit mehreren Jahren die Projekträume. Im September sollen erneut Gelder für "auszeichnungswürdige Programmarbeit" verteilt werden, zwanzigmal 37.000 Euro. Spätestens dann darf nach der Bedeutung dieser bisweilen unzugänglich anmutenden Orte gefragt werden. Sie wurden als "Trainingslager" beschrieben oder Inkubatoren, als ginge es um Start-ups oder die nächste Nachwuchs-Auswahl. Dabei handelt es sich im Idealfall um Interaktionsräume, in denen fortlaufend die aktuellen Produktionen überdacht werden – was ein Wert an sich ist und Qualität sichert. Ein wichtiges Gegenstück auf dem aktuellen Kunstmarkt, lässt sich in zahlreichen Internet-Kunstkaufhäusern doch eine Flut bunter Flachware entdecken, die keine Auseinandersetzung mehr sucht. Sie ist so seelenlos wie die Investoren-Architektur, die inzwischen die Friedrichshainer Haasestraße ziert, wo vor wenigen Jahren noch das Autocenter Spektakuläres bot.