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Seit ich in Deutschland bin, lautet die häufigste Frage an mich: "Warum wählen die Türken einen solchen Despoten?"

Zunächst eine Korrektur: Nur die Hälfte wählt ihn. Hinterfragen wir dann die globale Seite der Sache: "Warum wählen die Amerikaner Trump und die Russen Putin?"

Es ist so: Für die Unterschicht ist Erdoğan ein Vorbild, weil er es aus der Unterschicht ganz nach oben geschafft hat. Religiös gebildet, wollte er Fußballer werden, interessierte sich für Politik, musste wegen einer Gedichtrezitation ins Gefängnis. Die Geschichte eines geprügelten Anführers, hervorragend geschrieben und vermarktet, fand ihr Echo bei den ungebildeten, armen Schichten der Gesellschaft. Für die Massen, die nach einem schützenden Hafen suchten, war Erdoğan als autoritäres "Oberhaupt" eine Wohltat.

In gebildeten urbanen Kreisen schwand die Unterstützung für die AKP beim letzten Volksentscheid, in bildungsfernen Schichten mit Hauptschulbildung dagegen lagen die Ja-Stimmen für Erdoğan bei 70 Prozent. Bei Wählern mit Hochschulabschluss fiel die Zustimmung auf 39 Prozent. Sein Schwiegersohn Berat Albayrak, in dessen Hände Erdoğan die Wirtschaft legte, erklärte die Lage stolz aus der Sicht eines Wählers: "Sagt der Präsident, wir bauen eine vierspurige Autobahn auf dem Mond, glauben wir ihm das." Am nächsten Tag staunten Journalisten bei einer Straßenumfrage, wie grenzenlos die Zustimmung zu diesem "Projekt" ausfiel.

Erdoğan benutzt bewusst die Sprache der Unterdrückten im Duktus eines vom Knecht zum Gipfel aufgestiegenen Herrschers. "Jetzt gehört das Land uns", lautet seine Botschaft. Unentwegt lässt er Meinungsumfragen durchführen, fühlt dem Volk den Puls und passt seine Rhetorik den Ergebnissen an. Dank seiner islamischen Schulbildung nutzt er die Religion meisterhaft. Er betet auf dem Rednerpult, rezitiert Gedichte, gibt sich mal emotional und mit Tränen, mal erzürnt und beleidigend. Nach dem desaströsen Grubenunglück vor vier Jahren ohrfeigte er einen gegen ihn protestierenden Jugendlichen, Kameras dokumentierten, wie er schimpfte: "Was duckst du dich weg, israelische Brut!" Solch machohaftes Verhalten würde anderswo einen Aufstand auslösen. Bei seinen Anhängern aus patriarchalischer Tradition aber steigert es die Bewunderung für ihn.

Da er die Medien übernommen hat, kann er Kritik an seinem Politikstil niederhalten. Wer widerspricht, kommt hinter Gitter. So schüchtert er seine Gegner ein und verhindert, dass seine Anhänger andere Ideen als seine zu hören bekommen. Diese Macht und seine Überzeugungsfähigkeit machen ihn in den Augen seiner Verbündeten zweckdienlich. Zahlreiche westliche Staatschefs und das globale Kapital lassen sich auf seinen Kurs ein: "Wir müssen uns mit ihm verständigen." Im Inland vermarktet sich Erdoğan als "der Mann, der die Welt in die Knie zwingt". Diese Art, sich zu brüsten, verschleiert das Gefühl der Unterlegenheit in den ausgegrenzten Schichten und tilgt vor allem bei Diaspora-Türken das Gefühl, diskriminiert zu sein. Das allein erklärt die Unterstützung aber nur ungenügend.

Bei den rivalisierenden Gesellschaftsschichten im Land repräsentiert Erdoğan stets die Mehrheit: Türken gegen Kurden, Sunniten gegen Aleviten, Konservative gegen Moderne. Seine Basis konsolidiert er durch Ausgrenzung "der Anderen".

Nicht zu vergessen sind die Verbesserungen im Bildungsbereich und im Gesundheitswesen, die er in der Anfangszeit seiner Regierung erzielte. Bis heute zehrt er von der damaligen Dankbarkeit der Bevölkerung und der Freude in- und ausländischer Businesskreise über die Stabilität der Wirtschaft. Schließlich sei betont, dass Erdoğan seine Macht zu einem Teil auch dem kläglichen Zustand der Opposition verdankt. Als vor den Wahlen die Kandidatur seines parteiinternen Rivalen Abdullah Gül zur Debatte stand, schickte Erdoğan diesem den Generalstabschef per Hubschrauber ins Haus. Gül erklärte seinen Verzicht, der Generalstabschef sitzt jetzt in Erdoğans Kabinett. Die Sozialdemokraten hingegen erzielten den größten Wahlerfolg seit 40 Jahren, sind aber nur noch damit beschäftigt, sich gegenseitig zu zerfleischen.

Warum wohl unterstützten die Menschen Erdoğan?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe