Selbst die Sonnen fliehen vor der Erde, die in Reiner Kunzes neuem Lyrikband die stunde mit dir selbst in Chaos und Gewalt versinkt. Er mahnt vor den demagogischen Kriegstreibern und dem Machtwillen der Despoten. Vor allem dem Osten Europas gilt sein Blick, wo die Ukraine als "land / verstümmelt, veruntreut / verraten" worden sei. Dem lyrischen Ich bleibt da einzig die traurige Erkenntnis: "Die erlösung des planeten von der menschheit / ist der menschheit mitgegeben / in den genen". Dabei sind die Traumata, die politische Irrwege und Kriege hervorrufen, längst bekannt. Wer das Lamento auf unsere Zeit genau liest, wird auf Zitate von Paul Celan stoßen. Mit ihm schimmert die Geschichte durch den rissigen Boden der Gegenwart. Wie ein Mahnmal mutet ebenso Kunzes lakonische Hommage an die in einem Arbeitslager gestorbene jüdische Autorin Selma Meerbaum-Eisinger an: "Dem tod war es gegeben, / sie zu holen aus dem leben / doch nicht / aus dem gedicht".

Ja, die Poesie bewährt sich, erweist sich als wachrüttelnder "hirnstoßdämpfer" und stellt sich gegen die Rohheit des Daseins. Dass der Lyriker oftmals auf schlichte Paarreime zurückgreift, zeigt nicht die Hilflosigkeit, sondern die Stärke seiner Sprache an. Sie hält zusammen, was zu zerbrechen droht, ringt in unsicheren Zeiten um eine Form. Überdies schließt sie Erinnerungen ein – für eine Gesellschaft, die droht den Blick für ihre Vergangenheit zu verlieren, wie für den Einzelnen.

Neben den kulturkritischen Miniaturen trifft man daher auch auf sehr persönliche Texte des 1933 geborenen Kunze – über das Schreiben, das Innehalten, die Choreografie der Wolken und nicht zuletzt über das Altern. Verse wie "stumm stehn am ausgang die verluste" oder "Fern kann er nicht mehr sein, / der tod" zeugen von der spürbaren Dringlichkeit eines Romantikers, noch einmal Bilanz ziehen zu wollen. Der Dichter wurde in den siebziger Jahren berühmt mit seinem die Verhältnisse in der DDR messerscharf sezierenden Prosaband Die wunderbaren Jahre; prompt wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen und 1977 in den Westen vertrieben. Jetzt ruft er, zehn Jahre nach seinem Band Lindennacht, seinen Lesern nun ein "Lebt wohl!" zu. Es ist gerade der existenzielle Tenor, der die Lektüre zu einer berührenden Naherfahrung werden lässt.

Der Dichter verzichtet dabei völlig auf ausschmückendes Beiwerk. Volksliedartig klingen seine Sätze. Intensität entsteht hier durch Reduktion. Denn wo kein Wort zu viel gesetzt ist, bleibt pure Essenz. Obgleich man schnell den Eindruck gewinnen könnte, dass an diesem freigelegten Urgrund der Sprache nichts als der Tod wartet, belehren uns die Gedichte durchaus eines Besseren. "Du suchst das wort, von dem du nicht mehr weißt, / als daß es fehlt", heißt es in einem Poem. Schreiben bedeutet für Kunze ein Vortasten und In-Bewegung-Sein. Insbesondere dann, wenn Melancholie alles zu verdunkeln droht. Doch steht sie für mehr als nur Abschied. Kunze erkennt auch ihre musische Kraft. Gerade weil er in das Grauen gesehen hat, weiß er vom Guten zu träumen. Und so lesen sich die letzten Verse dieses Bandes wie eine hoffnungsvolle Versöhnung mit der Welt: "Verneigt vor alten bäumen euch, / und grüßt mir alles schöne."

Reiner Kunze: die stunde mit dir selbst. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2018; 72 S., 18,– €