Der vergangene Freitag war einer dieser ganz heißen, die Sinne trübenden Sommertage. Der Dramaturg Bernd Stegemann vom Berliner Ensemble hatte als Treffpunkt den Garten des Literaturhaus-Cafés in der Westberliner Fasanenstraße vorgeschlagen. Es war später Nachmittag. Frauen wedelten sich mit der Speisekarte einen Luftzug herbei, Wespen kreisten aggressiv um die Weißweingläser, Männer atmeten schwer. Bernd Stegemann, ein großer, etwas stämmiger, dabei jugendlich wirkender 51-jähriger Mann, bestellte einen Kaffee und erzählte in allerbester Laune von der Sammlungsbewegung Aufstehen, die gerade Sahra Wagenknecht ins Leben gerufen hat.

Bernd Stegmann: Der Dramaturg war einer der Ersten, die Merkels Flüchtlingspolitik von links kritisierten. © Drama/imago

Man weiß ja noch nicht recht, was aus dieser Bewegung wird, die seit einigen Tagen ziemlich Furore macht und die offenbar von fast 40.000 Menschen unterstützt wird: ob daraus am Ende eine neue Partei werden könnte oder sie lediglich ein Diskussionsforum für nicht mehr ganz so linientreue SPD-, Linkspartei- und Grünenmitglieder bleibt; ob sie die deutsche Linke eher eint oder sie weiter spaltet – gewiss ist aber, dass Bernd Stegemann mit gutem Grund als die graue Eminenz dieser neuen Organisation gelten kann, als eine Figur, die selbst nicht im Vordergrund steht, aber den größten Einfluss als Ratgeber hat. Er zieht im Dienste Sahra Wagenknechts die Fäden, bringt Leute zusammen, schmiedet Pläne, organisiert. Und womöglich ist es nicht unplausibel, dass ein Theatermann diese Aufgabe übernimmt.

Genau besehen, erklärt Stegemann, sei die Sammlungsbewegung mit einem Artikel von ihm im Feuilleton der ZEIT geboren worden. Der habe Sahra Wagenknecht nämlich inspiriert. Er erschien im Frühjahr 2016 unter dem Titel "Die andere Hälfte der Wahrheit". Der Text zählte damals zu den wenigen Beiträgen, die die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin von linker Seite aus angriffen. "Wenn man als Akademiker in einer Eigentumswohnung lebt, ist es sehr gratismutig, eine Willkommenskultur zu fordern und die Nase über diejenigen zu rümpfen, die gegen ein Flüchtlingsheim protestieren, das in ihrem Wohnghetto gebaut wird", schrieb Stegemann und klagte eine "Propaganda der Weltoffenheit" an. Einige Monate später, erneut in der ZEIT, schrieb er, eine "wohlmeinende bürgerliche Klasse" würde "mit Rührung auf das Elend der Welt" blicken und dabei die sozialen Nöte, den Konkurrenzdruck, der sich durch Zuwanderung im eigenen Land ergebe, aus dem Auge verlieren. An die Stelle des Klassenkampfes seien die "biopolitische Perfektionierung des Alltags und die Sprachregelungen der Political Correctness getreten".

Wer die Thesen zur Zuwanderung von Stegemann, zugegebenermaßen etwas polemisch, zusammenfassen möchte, kommt leicht auf die Unterscheidung von Haupt- und Nebenwiderspruch, die einst Mao popularisiert hatte. Die bürgerliche Problematisierung von Rassismus und von Geschlechterfragen, die Romantisierung der Migranten, das Ansinnen, alltagsmoralische Affekte zu generalisieren – all dies würde nur vom eigentlichen Drama ablenken: vom globalen kapitalistischen Ausbeutungssystem. Die flüchtlingssentimentale Linke ist, wenn man Stegemann folgt, auf die Scheinmoral der Kapitalisten hereingefallen, die jeden Migranten willkommen heißen, solange er den Lohn des einheimischen Handwerkers drückt. In so einer Situation sei analytische Kälte statt des denkfaulen Sentiments der Elite gefragt, dem sich die meisten Linken fatalerweise angeschlossen hätten.

Die ZEIT-Artikel, erzählt der Dramaturg, habe Sahra Wagenknecht auf Facebook geteilt. Einige Monate später sei er zu ihr dann ins Bundestagsbüro gebeten worden. Man habe ausgiebig diskutiert, über zwei Stunden! Über die verfehlte Flüchtlingspolitik. Über die von ihm analysierten, so falschen politischen Versuche, soziale Widersprüche durch moralische Erpressung aufzulösen. Über die zwingende Notwendigkeit, den Überbau der Gesellschaft zu verändern. Schließlich über Wagenknechts damals noch eher vagen Plan, eine neue Bewegung zu initiieren.

Man merkt dem Theatermacher Bernd Stegemann die helle Freude an, so unversehens in die Sphäre der großen Politik geraten zu sein. Dass Artikel so wirken können, dass sich mit einem Mal eine Spitzenpolitikerin meldet, gefällt ihm sehr. Er erzählt vom bildungsfernen Kleinbürgertum in Münster, dem er entstammt. Vom sozialdemokratischen Bilderbuchaufstieg durch Gymnasium und Universität. Richtig politisiert sei er erst seit der Bankenkrise. Zuvor hätten ihn vor allem Thomas Mann, Bertolt Brecht und Niklas Luhmann interessiert.

Wolfgang Streeck: Der renommierte Soziologe glaubt, dass sich der Kapitalismus nur im Nationalstaat zähmen lässt. © Basso Cannarsa/Opale/Leemage/ddp images

Wagenknecht fragte Stegemann während des Treffens, ob er wohl Wolfgang Streeck kenne. Sie würde ihn so gerne treffen. Natürlich kannte Stegemann Streeck seit vielen Jahren, den international renommierten Soziologen und ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Der heute 71-Jährige hatte kurz nach Stegemanns ZEIT-Artikel in einem großen und aufsehenerregenden Beitrag in der FAZ ebenfalls mit Merkels Flüchtlingspolitik abgerechnet. Auch er diagnostizierte heillose Widersprüche der Willkommenskultur, eine Überforderung der europäischen Nachbarn, moralischen Kitsch und beklagte ein linkes und linksliberales Milieu, "das sich zur Aufrechterhaltung der nationalen Disziplin routinemäßig der Drohung bedient, Abweichler (...) in die rechte, bräunliche bis braune Ecke zu verweisen". Auch große Teile der Qualitätspresse seien zu "Cheerleadern einer karitativen Begeisterungswelle" mutiert.

Zahlreiche Intellektuelle und Künstler

Sebastian Schwarz: Der Schauspieler von der Berliner Schaubühne kritisiert eine irre Sprachsensibilität am Theater. © Hans Christian Plambeck/laif

Man habe sich, erzählt Stegemann, zu dritt in Berlin-Moabit getroffen, Streeck, er und Wagenknecht hätten im Restaurant Paris-Moskau, unweit vom Bundeskanzleramt, gespeist. Und es habe sich da ganz schnell gezeigt, dass Streeck, einst ein engagiertes SPD-Mitglied, der Idee einer Sammlungsbewegung ganz viel abgewinnen könne. Fragt man Streeck, warum er sich in der Bewegung einbringe, dann begründet er dies mit einer wünschenswerten "Disruption". Erst durch Störmanöver würden sich "Parteistrukturen und ihre festgefressenen Routinen" ändern. Die derzeitige Debattenkultur begreift er nach wie vor als empörend unterkomplex: "Die Seenotrettung ist ganz bestimmt nicht die entscheidende Zukunftsfrage."

"Eine weitere Versammlung" der Bewegung, erzählt Stegemann, "fand bei der Grünen-Politikerin Antje Vollmer statt. Bei dem Abendessen war auch Oskar Lafontaine dabei, aber auch Bundestagsabgeordnete aus der SPD und von den Linken. Vor allem bei der SPD gibt es eine ungeheure Angst, mit uns in Verbindung gebracht zu werden, auch wenn viele sympathisieren." Das könne er sogar verstehen: "Immer wenn die SPD regiert hat, spaltete sich etwas ab. Die Grünen bei Helmut Schmidt. Die Linkspartei bei Schröder. Jetzt die Sammlungsbewegung." Dass Andrea Nahles vor einiger Zeit eine pragmatische Flüchtlingspolitik angemahnt hat ("Wir können nicht alle bei uns aufnehmen"), begreifen Stegemann und Streeck als ersten Wirkungstreffer der neuen Bewegung.

Stegemann hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Intellektuelle und Künstler mit Wagenknecht bekannt gemacht. Unter anderem den 34-jährigen Schauspieler Sebastian Schwarz von der Berliner Schaubühne. Wir erreichen ihn telefonisch in Österreich, dort macht er gerade Urlaub. Schwarz erzählt gleich ganz beseelt, wie er im Frühjahr in Bordeaux, während der Dreharbeiten zur im Herbst anlaufenden Serie Germanized, auf einen Artikel über Stegemann im Netz gestoßen sei: "Ich war da bereits ein großer Anhänger der Schriften des amerikanischen Politikwissenschaftlers Mark Lilla, der die Identitätspolitik der Linken angegriffen hat. Beide, Stegemann und Lilla, verfolgen einen ähnlichen Ansatz: nämlich wieder soziale Fragen in den Mittelpunkt zu stellen und die dekadente Political Correctness zurückzudrängen." Man müsse einer "rein urban ausgerichteten Politik" entgegentreten. Es sei doch "kaum human, wenn die Länder des Südens durch Auswanderung ihre Mittelschichten verlieren". Überhaupt die Political Correctness, diese irre Sprachsensibilität, auch am Theater, ein ganz ärgerliches Phänomen: "Ich habe das Gefühl, dass bestimmte, satirische Kunst, wie sie etwa einst von Monty Python verwirklicht wurde, heute gar nicht mehr möglich wäre."

Sebastian Schwarz hatte sich im Wahlkampf von Martin Schulz engagiert, trat mit ihm auf, war aber schon bald "vom verwässerten Wahlkampf des Willy-Brandt-Hauses" entsetzt. Überhaupt sei die SPD intellektuell völlig ausgeblutet. Mittlerweile ist Schwarz aus der SPD ausgetreten, es sei aber noch nicht offiziell: "Mein Austritts-Antrag ist in Thüringen noch nicht bearbeitet worden."

In der Bewegung engagieren sich auch der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler und der Schriftsteller Eugen Ruge, der ebenfalls von Stegemann mit Sahra Wagenknecht zusammengebracht worden ist. Anruf auf Rügen, dort sitzt der 64-Jährige an einem neuen Roman. Der Buchpreisträger spricht bedächtig. Nicht mit allem in der Bewegung sei er einverstanden, aber die Ungerechtigkeiten, die der globalisierte Kapitalismus anrichte, seien doch verheerend. Dagegen müsse man angehen. Die Migrationsströme seien eine Folge der weltweiten Ausbeutung. In ein neues Land zu ziehen sei mit vielen Enttäuschungen verbunden. Er habe ja selbst die Erfahrung gemacht. Mit zwei Jahren war Eugen Ruge aus der Sowjetunion in die DDR gezogen, 1988 nach Westdeutschland.

Eugen Ruge: Der Schriftsteller sieht die Migrationsströme als eine Folge des globalisierten Kapitalismus. © gezett/imago

Streeck und Stegemann eng verbunden ist wiederum der Politikwissenschaftler Andreas Nölke. Der 54-Jährige hat im Frühjahr sein Buch Linkspopulär veröffentlicht, das ihm heftige Anfeindungen im eigenen Milieu eingebracht hat. Arbeiter, Gewerkschaftsmitglieder und Arbeitslose, argumentierte er, würden zur AfD abwandern, während die Linken sich kosmopolitischen Blütenträumen hingäben. Solange das Land so ungerecht sei, gelte es, die Migration zu drosseln. Nölke arbeitet unter anderem mit Stegemann an einem Gründungsmanifest für die Sammlungsbewegung. Es soll Anfang September veröffentlicht werden. Als einer der ganz sensiblen Punkte erweist sich da einmal mehr die Migrationsfrage. Da werde man vorsichtig formulieren müssen, bedauert Nölke. Die Angst, von der Öffentlichkeit gleich als rechts einsortiert zu werden, sei leider bei vielen in der Bewegung allzu lebhaft.

Am Ende des Treffens hat es Bernd Stegemann dann recht eilig. Er muss noch, so kurz vor seinem Sommerurlaub, zum Rechtsanwalt und dort mit sechs weiteren Mitstreitern die Bewegung als Verein anmelden. Er verabschiedet sich mit der schönen Hektik von Menschen, die den Zauber des Anfangs verspüren. Kurz darauf ist er ganz offiziell der Vorstand des neu gegründeten "Aufstehen Trägerverein Sammlungsbewegung e. V.".

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