Man habe sich, erzählt Stegemann, zu dritt in Berlin-Moabit getroffen, Streeck, er und Wagenknecht hätten im Restaurant Paris-Moskau, unweit vom Bundeskanzleramt, gespeist. Und es habe sich da ganz schnell gezeigt, dass Streeck, einst ein engagiertes SPD-Mitglied, der Idee einer Sammlungsbewegung ganz viel abgewinnen könne. Fragt man Streeck, warum er sich in der Bewegung einbringe, dann begründet er dies mit einer wünschenswerten "Disruption". Erst durch Störmanöver würden sich "Parteistrukturen und ihre festgefressenen Routinen" ändern. Die derzeitige Debattenkultur begreift er nach wie vor als empörend unterkomplex: "Die Seenotrettung ist ganz bestimmt nicht die entscheidende Zukunftsfrage."

"Eine weitere Versammlung" der Bewegung, erzählt Stegemann, "fand bei der Grünen-Politikerin Antje Vollmer statt. Bei dem Abendessen war auch Oskar Lafontaine dabei, aber auch Bundestagsabgeordnete aus der SPD und von den Linken. Vor allem bei der SPD gibt es eine ungeheure Angst, mit uns in Verbindung gebracht zu werden, auch wenn viele sympathisieren." Das könne er sogar verstehen: "Immer wenn die SPD regiert hat, spaltete sich etwas ab. Die Grünen bei Helmut Schmidt. Die Linkspartei bei Schröder. Jetzt die Sammlungsbewegung." Dass Andrea Nahles vor einiger Zeit eine pragmatische Flüchtlingspolitik angemahnt hat ("Wir können nicht alle bei uns aufnehmen"), begreifen Stegemann und Streeck als ersten Wirkungstreffer der neuen Bewegung.

Stegemann hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Intellektuelle und Künstler mit Wagenknecht bekannt gemacht. Unter anderem den 34-jährigen Schauspieler Sebastian Schwarz von der Berliner Schaubühne. Wir erreichen ihn telefonisch in Österreich, dort macht er gerade Urlaub. Schwarz erzählt gleich ganz beseelt, wie er im Frühjahr in Bordeaux, während der Dreharbeiten zur im Herbst anlaufenden Serie Germanized, auf einen Artikel über Stegemann im Netz gestoßen sei: "Ich war da bereits ein großer Anhänger der Schriften des amerikanischen Politikwissenschaftlers Mark Lilla, der die Identitätspolitik der Linken angegriffen hat. Beide, Stegemann und Lilla, verfolgen einen ähnlichen Ansatz: nämlich wieder soziale Fragen in den Mittelpunkt zu stellen und die dekadente Political Correctness zurückzudrängen." Man müsse einer "rein urban ausgerichteten Politik" entgegentreten. Es sei doch "kaum human, wenn die Länder des Südens durch Auswanderung ihre Mittelschichten verlieren". Überhaupt die Political Correctness, diese irre Sprachsensibilität, auch am Theater, ein ganz ärgerliches Phänomen: "Ich habe das Gefühl, dass bestimmte, satirische Kunst, wie sie etwa einst von Monty Python verwirklicht wurde, heute gar nicht mehr möglich wäre."

Sebastian Schwarz hatte sich im Wahlkampf von Martin Schulz engagiert, trat mit ihm auf, war aber schon bald "vom verwässerten Wahlkampf des Willy-Brandt-Hauses" entsetzt. Überhaupt sei die SPD intellektuell völlig ausgeblutet. Mittlerweile ist Schwarz aus der SPD ausgetreten, es sei aber noch nicht offiziell: "Mein Austritts-Antrag ist in Thüringen noch nicht bearbeitet worden."

In der Bewegung engagieren sich auch der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler und der Schriftsteller Eugen Ruge, der ebenfalls von Stegemann mit Sahra Wagenknecht zusammengebracht worden ist. Anruf auf Rügen, dort sitzt der 64-Jährige an einem neuen Roman. Der Buchpreisträger spricht bedächtig. Nicht mit allem in der Bewegung sei er einverstanden, aber die Ungerechtigkeiten, die der globalisierte Kapitalismus anrichte, seien doch verheerend. Dagegen müsse man angehen. Die Migrationsströme seien eine Folge der weltweiten Ausbeutung. In ein neues Land zu ziehen sei mit vielen Enttäuschungen verbunden. Er habe ja selbst die Erfahrung gemacht. Mit zwei Jahren war Eugen Ruge aus der Sowjetunion in die DDR gezogen, 1988 nach Westdeutschland.

Streeck und Stegemann eng verbunden ist wiederum der Politikwissenschaftler Andreas Nölke. Der 54-Jährige hat im Frühjahr sein Buch Linkspopulär veröffentlicht, das ihm heftige Anfeindungen im eigenen Milieu eingebracht hat. Arbeiter, Gewerkschaftsmitglieder und Arbeitslose, argumentierte er, würden zur AfD abwandern, während die Linken sich kosmopolitischen Blütenträumen hingäben. Solange das Land so ungerecht sei, gelte es, die Migration zu drosseln. Nölke arbeitet unter anderem mit Stegemann an einem Gründungsmanifest für die Sammlungsbewegung. Es soll Anfang September veröffentlicht werden. Als einer der ganz sensiblen Punkte erweist sich da einmal mehr die Migrationsfrage. Da werde man vorsichtig formulieren müssen, bedauert Nölke. Die Angst, von der Öffentlichkeit gleich als rechts einsortiert zu werden, sei leider bei vielen in der Bewegung allzu lebhaft.

Am Ende des Treffens hat es Bernd Stegemann dann recht eilig. Er muss noch, so kurz vor seinem Sommerurlaub, zum Rechtsanwalt und dort mit sechs weiteren Mitstreitern die Bewegung als Verein anmelden. Er verabschiedet sich mit der schönen Hektik von Menschen, die den Zauber des Anfangs verspüren. Kurz darauf ist er ganz offiziell der Vorstand des neu gegründeten "Aufstehen Trägerverein Sammlungsbewegung e. V.".

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