Tags an die Seen oder in die Berge, abends in die Festspielhäuser und danach noch in die Restaurants: Salzburg ist der ideale Ort, um eine Hitzewelle zu ertragen. Hier wird mit Kunst der Zustand unserer Welt erforscht – und vielleicht auch virtuos verdrängt. Notizen von den größten Festspielen der Welt.

Mozarts Zauberflöte gilt als schweres Stück, und die US-amerikanische Regisseurin Lydia Steier, 40, ist nicht die Erste, die es krachend in den Sand setzt. Die knöchernen Schikaneder-Dialoge zu kürzen und von einem Erzähler lesen zu lassen ist zweifellos eine gute, nachahmenswerte Idee. Weniger erfrischend: die Handlung der Oper zu einem Riesenzirkuskindertraum aufzublasen, mit Feuerrädern, Stelzengängern und Zwergin. Und geradezu ärgerlich: zur finalen Feuer- und Wasserprobe Bilder aus dem Ersten Weltkrieg an die Wand zu werfen, ansatzlos, beziehungslos, wissend, dass der Abend noch so etwas wie eine Aussage braucht. Das Sängerensemble agiert stimmlich unter Salzburger Mozart-Niveau (was auch dem offenen Bühnenbild geschuldet ist), und Constantinos Carydis am Pult der Wiener hat zwar viele feine Ideen, wie er das vom Dauernudeln Rundgeschliffene wieder aufrauen und zum Sprechen bringen kann, vermag sich aber nicht wirklich durchzusetzen.

Ein wichtiges stilistisches Merkmal von Kleists Drama Penthesilea ist die Mauerschau: die Beschwörung des Unzeigbaren (Vergangenen, Unerhörten) durch Zeugen. Kleist erwähnt lauter Begebenheiten – den Krieg der Trojaner gegen die Griechen und den der Amazonen gegen beide, den Kampf des Achill mit der Amazone Penthesilea um Liebe und Herrschaft –, die keineswegs "aufgeführt" werden können. Deshalb benützt er Nebenfiguren, um von den Geschehnissen Bericht zu erstatten. In Johan Simons’ Salzburger Inszenierung ist die Energie des Hörensagens, welche die Hauptfiguren sagenhaft umwabert, in diese selbst gefahren: Penthesilea und Achilles berichten von sich und ihrem Fall. Das Hauptgeschäft, das sie in dieser aller Zeugen beraubten Aufführung zu betreiben haben, ist es, Bericht zu erstatten vom Stand der gegenseitigen Zähmung. Simons’ Figuren sind keine Mauerschauer, sondern Menschenmauerndurchschauer – sie klopfen die Rüstung ab, die der jeweils andere um seine Seele gelegt hat.

Bei Kleist zerreißt Penthesilea den Achilles in der Wut der Schlacht. Bei Johan Simons geht es ziviler zu: Hier ist jeder Biss Mittel der Erkenntnis- und Empfindungssteigerung. Einmal bietet Achill der Amazone seine Ferse dar und keucht erregt, als Penthesilea die schutzlose Stelle liebkost – sie hat den Kern seines Wesens, seine Lustzone, gefunden.

Achilles spricht vorsichtig und vorschlagsweise, als erfinde er die Geschichte im Erzählen – als wolle er seine Amazone nicht besitzen, sondern bloß unterhalten. Dann schiebt Penthesilea (Sandra Hüller) ihm, Achilles (Jens Harzer), den Zeigefinger in die Nabelmulde und zieht den Finger über seine Brust hinauf zum Kinn – wie einen unsichtbaren, den Mann öffnenden, nur ihr verfügbaren Erkenntnisreißverschluss.

Wohl möglich, dass morgen sie den Achilles und er die Penthesilea spielt – oder beide etwas Drittes, das aus den beiden entstand. Penthesilea ist hier nichts anderes als das Drehbuch für ein unendliches Rollenspiel.

Am Ende fragt Achilles: "Wer bist du, wunderbares Weib?" Penthesilea sagt: "Du wirst es schon erfahren" – und kichert. Es wird so schnell nicht zu Ende gehen mit diesem mörderischen Paar. Etwas von beiden steckt in uns allen.

Der Schauspieler Peter Simonischek liest im Salzburger Landestheater Michael Kohlhaas, Kleists Geschichte eines Mannes, dessen Rechtsempfinden einer Goldwaage gleicht und der lange Zeit Gründe sucht, seinen Feinden zu verzeihen. Wie Simonischek den Aufschub darstellt, der jeder Rache vorausgeht, muss man erlebt haben: Seine Lesung ist eine Abwägung von Wut und Einlenken, Verzeihen und Losschlagen. Unser Vorleser spricht so vorsichtig, als bewache er selbst die Goldwaage, er berichtet vom Sinken der Schale hin zur Gewalt. Mit einer Brauenhebung, einer "Zu spät"-Geste ins Publikum, zeigt er, dass Umkehr nicht mehr möglich ist. Er beendet die Lesung, ehe die Rache vollzogen wird: Die auszumalen, überlässt er dem Wuttheater in unseren Köpfen.