Das saudische Königshaus schießt jetzt – diplomatisch gesehen – mit schwerstem Geschütz. Weil das Außenministerium von Kanada per Tweet die Freilassung von Menschenrechtsaktivistinnen forderte, hat die saudische Führung Kanadas Botschafterin ausgewiesen, Direktflüge gestrichen, kanadischen Firmen Geschäfte in Saudi-Arabien untersagt, saudische Studierende aus Kanada zurückgerufen. Lauter kann ein Land dem anderen nicht zurufen: Schweig!

Genau das wäre jetzt fatal: dass Kanada sich den Mund verbieten lässt. Und dass der kleine Rest weiterer Länder, die sich noch aufrichtig für Menschenwürde und Freiheiten starkmachen, fortan lieber wegschaut, als einen Eklat zu provozieren, wie Kanada ihn derzeit erlebt.

In all dem saudischen Gepolter geht glatt unter, worum es eigentlich geht: Anlass des kanadischen Tweets war die Festnahme der Frauenrechtlerin Samar Badawi. Ihr Familienname ist bekannt: Samars Bruder Raif, auch er ein Menschenrechtsaktivist, wurde 2013 wegen seines Engagements verurteilt und später öffentlich ausgepeitscht. Damals schlugen seine Familie und Organisationen wie Amnesty International Alarm, die Weltöffentlichkeit blickte auf Saudi-Arabien, die deutsche Regierung setzte sich für Badawi ein, auch die ZEIT widmete ihm eine Kolumne. Raif Badawi sitzt noch immer in Haft, ebenso wie Samar Badawis Ex-Mann – und nun also sie selbst.

Es war nicht bloß Ermüdung, die den Protest für Samars Bruder Raif abebben ließ. Es war auch eine Hoffnung. Denn seit 2015 vollzieht sich ein Generationswechsel an der Spitze des Königreiches. Der greise König hat die Macht schrittweise dem jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman übertragen – und der ist mit einem gigantischen Reformprogramm vorangeprescht. Die Wirtschaft will er unabhängiger machen vom Ölpreis und deshalb für Investoren öffnen. Auch die Gesellschaft will er liberalisieren, unter anderem indem Frauen mehr Rechte bekommen, auch damit sie leichter arbeiten und die Wirtschaft ankurbeln können. Öffentlichkeitswirksam wurde im Juni den Frauen endlich erlaubt, Auto zu fahren. Saudi-Arabien, so die Verheißung, würde bald ein deutlich freieres Land.

Die Bilder der Frauen am Steuer sind der weithin sichtbare Ausdruck kleiner, alltäglicher Erleichterungen für sie. Die Bilder dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die saudische Führung parallel daran arbeitet, ihre hässlichen Seiten unsichtbar zu machen. Seit vergangenem Jahr nimmt die Repression gegen Kritiker der saudischen Führung wieder deutlich zu. Sie traf erst Rivalen des Kronprinzen, dann Journalisten, nun sind es vermehrt Frauenrechtlerinnen. Samar Badawi gehört zu einer ganzen Reihe von Aktivistinnen, die in den vergangenen Wochen festgenommen wurden – rund um jenen Tag im Juni, an dem saudische Frauen zum ersten Mal Auto fahren durften. Es schält sich heraus, was die Reformen wirklich bedeuten: wirtschaftliche Öffnung ja, politische Öffnung nein. Die Furcht vor den eigens angestoßenen Veränderungen macht die politische Führung zudem zusehends neurotisch.

Auch deshalb poltert sie nach außen.

Deutschland hat das zu spüren bekommen. Als im vergangenen Herbst Außenminister Sigmar Gabriel die politischen Volten Riads als "Abenteurertum" bezeichnete, rief Saudi-Arabien seinen Botschafter aus Berlin zurück – bis heute ist er nicht wieder entsandt.

Fest steht: Nicht Deutschland oder Kanada haben undiplomatisch agiert. Sondern Saudi-Arabien. Nicht die Kritik aus dem Westen führt zum Eklat und zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, sondern der Drang des Kronprinzen, Kritiker mundtot zu machen.

Die Saudis, heißt es in deutschen Unternehmerkreisen in Riad nun, erwarteten "einen Kniefall" Deutschlands. Die deutsche Wirtschaft hätte durchaus ein Interesse daran, dass die Bundesregierung auf die Saudis zugeht, hatte sie doch gehofft, im Rahmen der Öffnung des Landes riesige Aufträge an Land zu ziehen. Die Bundesregierung aber tut gut daran, dagegenzuhalten. Der Umgang mit Kanada hat deutlich gemacht, dass mit dieser saudischen Führung vorerst nicht vernünftig zu reden ist.