Niederbayern ist der Nabel der Welt. Die Sonne steht hoch überm Kuhglockenidyll, der Metzger schlachtet noch selbst, Oma kocht Grießnockerlsuppe, und Vater kifft. Hier, tief im Süden, stirbt der Mensch noch in der guten Stube unterm Kruzifix, und auf dem Friedhof predigt der Pastor das Blaue vom Himmel. In Ewigkeit, amen.

Und doch ist der Süden schon lange keine Provinz mehr. Der Norden schleicht sich ins Dorf, er kommt nach Niederkaltenkirchen wie der Dieb in der Nacht. Der Norden, das sind die Gelichter der Großstadt, es sind Immobilienhaie, Bodenspekulanten und die Halsabschneider der Mineralölkonzerne. Es sind Schleimscheißer und Schlitzohren, es sind die Glatten und die Aalglatten. Nirgendwo ist der Norden so kalt wie im Süden.

Dass die Zumutungen der Gegenwart an keiner Stelle so schmerzhaft zu spüren sind wie in der Provinz – das ist die Idee der bayerischen Regionalromane, die die Schriftstellerin Rita Falk erfolgreich unter die Leute bringt. Ihr Held ist der Dorfwachtmeister Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel), bei dem man nicht genau weiß, warum er sich in diesen Beruf verirrt hat. Seine Beziehung zu Recht und Gesetz ist jedenfalls entspannter, als die Polizei erlaubt, dafür lässt sein Verhältnis zur höheren Gerechtigkeit nichts zu wünschen übrig. Der "Eberhofer-Franz", liest man oft, sei ein eher behäbiger Zeitgenosse. Das stimmt nicht ganz. Er ist ein Melancholiker, er denkt die Dinge des Lebens vom Ende her. Und da bleibt man besser dort, wo man sich mit ihnen auskennt: auf dem Land.

Hinter der Fototapete klebt noch Blut

Sauerkrautkoma heißt die nunmehr fünfte Verfilmung aus der Eberhofer-Reihe, die Charaktere sind gut eingespielt und auch toll besetzt. Diesmal wird der Held nach München strafversetzt, nach "Minga, wo d’Leit stinga", und das ist die Hölle, denn nicht einmal ein Polizist kann sich hier eine Wohnung leisten. So teilt sich Eberhofer mit seinem Freund Rudi (Simon Schwarz) eine miese Absteige, der depressive Vormieter hat sich umgebracht, die Wand hinter der Fototapete ist noch blutverschmiert. Das Geld reicht gerade mal für Dosen-Ravioli, dann wird auch noch das Auto geklaut, findet sich aber wieder, wenngleich mit einer Leiche im Kofferraum. Am schlimmsten sind naturgemäß die Großstadtbewohner, denn eigentlich sind es keine richtigen Menschen, sondern batteriebetriebene Menschen-Performer. München – das ist eine Menagerie der Angepissten und Dauergenervten, mittendrin Frau Polizeidirektorin, genannt Thin Lizzy (Nora Waldstätten), ein Hungerhaken und ausgesprochen toxisch im Umgang. Sie könnte ebenso gut Hedgefonds-Managerin sein oder Moderatorin bei Börse im Ersten.

Damit diese Welten auch richtig aufeinanderknallen, schiebt der Regisseur Ed Herzog plakativ zwei Lebenswelten ineinander: Die Dorfbewohner aus dem bayerischen Herzland sind verschwitzte Späthippies mit Retro-Riesenbrillen, es sind Feinripphemdenträger, Fleischesser und Starkbiertrinker mit einem extrem erläuterungsbedürftigen Verhältnis zu Frauen. Die Seelen des Südens rumpeln mit alten Autos durch die Gegend und pusten noch den Staub von ihren Siebzigerjahre-Schallplatten, während die Haschschwaden von Papa Eberhofer (Eisi Gulp) aufsteigen. Im Gegensatz zu den kernigen Dickschädeln sind die veganen Metropolenbewohner zwar technisch up to date, haben aber einen eher wasserlöslichen Charakter. Auch ein ehemaliger Dorfbewohner (Gedeon Burkhard), der im Silicon Valley Karriere macht und nun mit einem ökologisch korrekten Elektroauto anrauscht, erweist sich als selbstdressierter Lackaffe, frisch geföhnt, wie aus dem Katalog für Start-up-Unternehmer mit Dauer-Abo für ein fantastisch freudloses Leben. Zwar besteht die erotische Kommunikation auf dem Dorf in der Regel auch nur aus Schadensmeldungen, denn hinter Baumarkt-Jalousien ist viel Unglück eingelagert, vermutlich gibt unterdrückte Lebensgier sogar das Motiv für einen Mord ab. Doch wenn das Kaff mal wieder feiert ("150 Jahre Grundschule Niederkaltenkirchen"), dann explodieren die Körper, ihr Tanz hat etwas wild Orgiastisches und radikal Körperliches. Die Münchner Smoothie-Schnepfen feiern ihren Lifestyle. Das Dorf feiert das Lebendige.

Es ist nicht so, dass Sauerkrautkoma den Zuschauer ästhetisch überfordert, der Film ist massentauglich und schielt ein wenig auf den Alleskleberhumor französischer Filmkomödien. Aber er ist weder reaktionär noch kitschig, er hat nichts von Söders sauberem Deutschtum, schon in Rita Falks lakonischen Romanvorlagen werden christsoziale Spießeridyllen liebevoll durchlüftet. Die Menschen sind hier konservativ, aber konservativ meint Herzensbindung und Treue zu einer speziellen Form bajuwarischer Anarchie, einer freiheitsliebenden Unbeugsamkeit. Wer sich hier groß aufbläst, der ist rasch wieder ganz klein, denn in Niederkaltenkirchen bleibt der Ort der Macht leer, und der Bürgermeister ist im Sinn des Wortes impotent. Die polizeiliche Rechtsdurchsetzung erfolgt eher situativ und nach Bedarf; einmal sägen die Ordnungshüter unter heldenhaftem Einsatz von außerdienstlich zugeführtem Alkohol den Maibaum ab, sozusagen als Tatbeweis dafür, dass sie dringend Verstärkung brauchen. Sie wollen ihren Franz zurück.

Klar, keine Heimat hält ewig. Irgendwann wird Franzls altersmüde Nuckelpinne, sein lahmer Dienst-Audi, das sein, was er jetzt schon ist: ein lackierter Haufen Schrott. Und irgendwann wird ein Amazon-Auslieferungslager auf der grünen Weise stehen und das Dienstleistungsproletariat die letzten billigen Dorfbehausungen stürmen. Sagen wir es so: Wenn die Wahrheit des Südens nur darin besteht, sich des kalten Nordens zu erwehren, dann ist er schon kein richtiger Süden mehr. Der Eberhofer-Franz weiß das. Sonst würde er nicht so schwermütig seine Leberkäsesemmeln mit Tubensenf verzieren. Er malt sich ein Herz drauf.

Der Film "Sauerkrautkoma" läuft ab 9. August in deutschen Kinos.