Marode Bäder, lange Wartezeiten auf Schwimmkurse: Wird Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer? © Foto: Hans Blossey/face to face/action press

Moritz reckt seinen Kopf, seine Ärmchen rudern durchs Wasser. Er versucht, seiner Mutter zu winken. Johanna Schröder steht hinter einer Scheibe, die den Wartebereich für Eltern vom Schwimmbecken trennt, sucht ihren Sohn. Moritz ist fünf und lernt seit einem Jahr Schwimmen. Jeden Mittwoch holt Johanna Schröder ihn von der Kita ab, versorgt ihn im Auto mit Brötchen und Banane und düst Richtung Hallenbad. Ihr jüngerer Sohn wird in dieser Zeit von seiner Oma betreut. "Wir mussten so lange auf einen Kursplatz warten, jetzt ziehen wir das auch durch", sagt Johanna Schröder.

Dass Eltern und Kinder monatelang auf einen Platz im Schwimmkurs warten, ist kein Einzelfall. In Deutschland schwimmen zu lernen wird schwieriger – und nicht alle Eltern sind gewillt, die Umstände auf sich zu nehmen, damit ihre Kinder eines Tages unbesorgt in Becken und Seen planschen können.

Nur noch 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen schaffen den Freischwimmer, ergab kürzlich eine Studie. Jährlich ertrinken mehr als 400 Menschen in Deutschland, darunter über ein Dutzend Kinder. "Wir sind auf dem besten Weg, ein Land der Nichtschwimmer zu werden", warnt Heiko Mählmann. Der Präsident der DLRG, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, findet das empörend. "Schwimmen zu lernen ist ein Grundrecht von Kindern, ebenso wie lesen und schreiben."

Das mag eine Übertreibung sein, doch richtig ist: Die Kinder in einem der reichsten Länder der Welt beherrschen eine grundlegende Fähigkeit nicht mehr: das Schwimmen. Die Ursachen dafür sind vielschichtig und gesellschaftlichen Umständen ebenso geschuldet wie finanziellen. Da wäre etwa der Mangel an Zeit, wenn beide Eltern berufstätig sind und das Kind in die Ganztagsschule geht. In der übrigen Zeit müssen Prioritäten gesetzt werden: Malkurs oder Instrument? Fußball oder Schwimmen? Letzteres hat es schwer, denn die wenigsten Kinder freuen sich darauf, schwimmen zu lernen. Für die meisten bedeutet es erst einmal: Strampeln, Wasserschlucken und blau gefrorene Lippen.

Problem Nummer zwei ist, dass immer mehr Gemeinden das Geld fehlt, um ihre marode gewordenen Bäder aus den Sechziger- und Siebzigerjahren zu sanieren und zu unterhalten. Das trifft die Schulen. Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats, sagt: "20 bis 25 Prozent aller Grundschulen können keinen Schwimmunterricht mehr anbieten, weil das nächstgelegene Schwimmbad geschlossen wurde." Und selbst wenn Gemeinden bei Kasse sind und neue Spaßbäder eröffnen, bringt das den Schülern wenig. "Rutschen und Whirlpools gibt es genug – was fehlt, sind Lehrbecken und Übungsbahnen."

Der Mangel an geeigneten Bädern bedeutet, dass sich Vereine und Schwimmschulen um die raren Wasserzeiten in jenen Becken streiten, die für Schwimmkurse geeignet sind. Entsprechend werden die Wartelisten für einen Kursplatz immer länger. Johanna Schröder etwa musste über ein halbes Jahr warten, bis ihr Sohn Moritz endlich in einem Kurs anfangen konnte. "Eigentlich hätte ich das Thema lieber im Sommer erledigt", sagt sie. Stattdessen startete ihr Sohn seinen Kurs im Winter. Und erkältete sich sofort.

Die fehlenden Bäder treffen vor allem die Familien, die sich die Alternativen nicht leisten können: den Urlaub am Meer etwa. Eine Hamburger Studie belegt, dass der Anteil jener Kinder, die nach der Grundschulzeit noch nicht schwimmen können, in ärmeren Gegenden fast zwanzigmal so hoch ist wie in gut situierten Vierteln. Besonders dramatisch ist die Lage an Schulen mit hohem Migrantenanteil. Denn in Kulturen, in denen gemeinsames Planschen von Jungen und Mädchen abgelehnt wird, findet noch nicht mal eine Wassergewöhnung statt.

Neben dieser Schwierigkeit gibt es ein weiteres, für einzelne Schulen fast unlösbares Problem: den Mangel an ausgebildeten Lehrern. Wer Schwimmen unterrichtet, muss eine Rettungsschwimmerqualifikation nachweisen. Vielen Sportlehrern fehlt die Zeit, eine entsprechende Weiterbildung zu absolvieren, anderen fehlt die Motivation. Auf Dringen der DLRG und des Bundeselternrats hat die Kultusministerkonferenz nun immerhin neue Empfehlungen zur Förderung der Schwimmausbildung an Schulen verabschiedet. Geplant ist etwa, dass die örtlichen Schwimmvereine stärker mit den Schulen kooperieren. "Wenn die Kurse im Rahmen der Ganztagsschule durchgeführt werden könnten, würden wahrscheinlich auch mehr Eltern ihre Kinder daran teilnehmen lassen", glaubt der Elternratsvorsitzende Stephan Wassmuth.

Einige Bundesländer wie Bremen lassen den Schwimmunterricht an Schulen bereits von Schwimmlehrern der städtischen Bäder durchführen. Andere Regionen wollen prüfen, ob Schulen nicht auch die Therapiebecken von Krankenhäusern und Altenheimen mitbenutzen können.

In Berlin-Neukölln zeigt ein Projekt, dass es auch anders gehen kann. In dem Berliner Bezirk, der wegen seiner sozialen Probleme und seines hohen Migrantenanteils bekannt geworden ist, gibt es seit einiger Zeit den "Schwimmbären", ein Wassergewöhnungsprojekt für Zweitklässler. Das Projekt beruht auf der Erkenntnis, dass vielen Kindern vor der dritten Klasse die Wassererfahrung von Schwimmbad oder See fehlt. Das wiederum hindert sie daran, angstfrei schwimmen zu lernen. Die Schlussfolgerung: Um die Zahl der Kinder, die nicht schwimmen können, langfristig zu senken, muss die Wassergewöhnung früher einsetzen. Das Projekt ist erfolgreich. Binnen drei Jahren ist die Nichtschwimmerquote von 40 auf 22 Prozent gesunken.

"Letztlich sollten sich Eltern aber nicht nur auf schulische Angebote verlassen, sondern sich gut überlegen, ob sie selbst die richtigen Prioritäten setzen", sagt DLRG-Präsident Heiko Mählmann.

Schwimmbecken statt Geige? Johanna Schröder fiel die Entscheidung leicht, nachdem sie Moritz im vergangenen Sommer einmal am Pool aus den Augen verlor. "Solche Ängste möchte ich nie wieder ausstehen", sagt sie und blickt durch die Glasscheibe. Moritz ist gerade zum ersten Mal auf den Grund des tiefen Beckens getaucht – und fuchtelt fröhlich mit einem roten Gummiring herum. Ein Nichtschwimmer weniger.