Diese Geschichte beginnt mit einem Buch, das für mich schon wichtig war, bevor ich überhaupt lesen konnte. Es ist der Katalog der Fotografieausstellung The Family of Man, die Edward Steichen 1955 für das New Yorker Museum of Modern Art zusammengestellt hat. Sie hat Millionen erreicht (so auch meine Mutter, deren Exemplar des Katalogs heute in meiner Bibliothek steht). Denn diese Schau war Teil einer kulturpolitischen Offensive der USA, die der Weltkulturpolitik der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten nach dem Krieg ein künstlerisches Bild der Freiheit und Pluralität entgegensetzen wollte. Überall auf der Welt, suggerierte ihr berühmter Kurator, machen wir Menschen dieselben existenziellen Erfahrungen von Tod, Liebe, Trauer, Patriotismus, Familie, Sport, Freundschaft, Gottesfurcht und Zorn, unabhängig von Klassenunterschieden, Hautfarbe, Einkommensverhältnissen und Religion. Und der kleine Junge, der die 503 Schwarz-Weiß-Fotografien gedankenvoll durchblätterte, träumte sich in eine Weltgemeinschaft hinein, zu der er dringend gehören wollte.

Dass kluge Menschen – zum Beispiel Roland Barthes, der The Family of Man in seine Sammlung der Mythologies aufnahm – in der demokratischen Fotografieausstellung Edward Steichens zugleich eine Ideologie erkannten, würde ich erst viel später nachvollziehen können. Jedenfalls verblasste der Glanz der globalen Gleichheit, der mir in die Kindheit schien, je älter ich wurde, im Schwarzlicht anderer Nachrichten, die den Heranwachsenden jetzt in Zeitungen und im Fernsehen erreichten: napalmverbrannte vietnamesische Kinder, die nackt und verzweifelt auf einer Straße vor Bombardierungen davonrennen; ein ungerührter südvietnamesischer General, der einen kommunistischen Partisanen auf offener Straße erschießt; Rudi Dutschke und Gaston Salvatore in der ersten Reihe einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg. Es ging auf 1968 zu.

Das zweite Buch, von dem daher jetzt die Rede sein muss, war eigentlich eher eine Broschüre: ein vanillepuddingfarbener zwischen sehr dünnem Umschlagkarton fadengehefteter Papierstapel in einem im Westen unüblich breiten Format aus dem Pekinger Verlag für fremdsprachige Literatur, auf dessen Cover in klassischer Schmucklosigkeit der Autorenname rot und der Titel schwarz zu lesen war: "W. I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus".

Es war Sommer in der schwäbischen Kleinstadt Blaubeuren, 1972. Im Jugendhaus, einer eher bescheidenen kommunalpolitischen Errungenschaft im Ladengeschoss eines heruntergekommenen Fachwerkhauses an einer viel befahrenen Ausfallstraße, die auf die Höhe der Schwäbischen Alb hinaufführte, traf sich damals ein Lektürekurs, der Lenins Buch, eine frühe, noch sehr holzschnittartige Version der später so genannten Dependenztheorie, mit derselben Inbrunst durcharbeitete, wie pietistische Konventikel in einem derselben Fachwerkhäuser zweihundert Jahre früher sich mit der Erklärten Offenbarung Johannis des Theologen Johann Albrecht Bengel beschäftigt haben mögen – nämlich im Bewusstsein, die Verworfenheit der Welt – und die eigene! – endgültig erkannt zu haben, und in Erwartung einer millenarischen Erlösung, die in der Weltrevolution bestand. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, lasen wir bei Lenin, "bewegt sich in der Richtung zu Monopolen, also zu einem einzigen Weltmonopol, einem einzigen Welttrust".

Diese weltgroße Konglomeration des Gierigen und Bösen hatte sich die Welt unterworfen und beutete die Länder des Südens mit dem Instrument ungleichen Tauschs (Industriegüter gegen Rohstoffe) erbarmungslos aus; wobei die eigentliche Perfidie darin bestand, dass die damit erzielten "kolonialen Extraprofite" teils dazu verwendet wurden, die Proletarier der Industrieländer durch sozialpolitische Almosen zu bestechen und ihnen Sand in die Augen zu streuen, sodass sie (wie zum Beispiel der "Renegat Kautsky", auf dem W. I. Lenin in seiner Schrift seitenlang herumhackte) zu der Ansicht gekommen waren, dass doch alles gar nicht so schlimm sei und man sich mit einem reformierten kapitalistischen Weltsystem eigentlich ganz gut arrangieren könne.

Mit diesen Illusionen aber war jetzt Schluss. Wir hatten uns durch die Lektüre der vanillepuddinggelben Broschüre aus China in den Besitz des wahren Wissens (der Gnosis) gebracht. Die Welt unserer Gegenwart war ein schwarzer, undurchdringlicher Block der Verworfenheit, ein Werk des kapitalistischen Demiurgen. Aber durch die Lektüre der gnostischen Schrift war ein Lichtfunke in uns gefallen.

Wir wussten Bescheid. Die family of man war in Wirklichkeit eine toxische Problemfamilie. Wenn ich 1972 formuliert hätte, wie ich die Welt sah, hätte ich ungefähr Folgendes geschrieben: "Wir, die Bewohner der Wohlstandsinsel Europa, sind die Hehler und Stehler des Reichtums der sogenannten Dritten Welt. Auf deren Kosten und Knochen haben wir uns bereichert. Die Bodenschätze Afrikas haben wir ausgeraubt. (...) Die erste Welt zerstört die Dritte und wundert sich, dass die Zerstörten sich auf den Weg zu den Zerstörern machen ..." Wir blenden dieses Zitat hier behutsam aus. Denn in Wahrheit hätte zwar der gnostisch glühende Zwanzigjährige, der ich 1972 war, durchaus diese Sätze schreiben können; wirklich geschrieben und am 12. Juli 2018 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat sie jedoch der ehemalige CDU-Minister Norbert Blüm.

Was ist hier geschehen? Der pensionierte Minister spricht, glaube ich, als kompliziert rückwärtsgewandter Prophet. Seine politisch sympathische (vermutlich auch durch seine traurigen Erlebnisse in griechischen Flüchtlingslagern inspirierte) Anklage beschwört gegen den Abschottungswahn der Rechten die weltumarmende Rhetorik der Fünfziger – und zugleich die linken Versündigungsphantasmen aus den Siebzigerjahren herauf. Aber Heraufbeschwören ist etwas anderes als Analysieren. Und um das Geistergespräch zwischen den jungen Leuten des Jahres 1972 und einem Politiker des Jahres 2018 genauer beurteilen zu können, muss ich deshalb eine weitere Schleife der Lektüren und Lebenserfahrungen nachzeichnen.

Die Zeitreise geht zu einem dritten Buch und in das Jahr 1992. Ich saß im sommerlichen Garten meiner Schwiegerfamilie in Bonn und konnte einen ganzen Nachmittag lang nicht aufhören, einen blauen Band aus der edition suhrkamp zu lesen, den ich tags zuvor in der Buchhandlung Böttger erstanden hatte: Ulrich Menzels Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie. Das Jahr 1989 und die Wiedervereinigung hatten eine Erschütterung von politischen und seelischen Gewissheiten bewirkt, die ich seit 1972 für unerschütterlich gehalten hatte. Umfangreiche intellektuelle Suchbewegungen hatten begonnen, die mich mit dem Werk Niklas Luhmanns, demjenigen Jürgen Habermas’ und dem seiner amerikanischen Gesprächspartner bekannt gemacht hatten.