Thomas Mann in Kampen auf Sylt 1928 © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv

Thomas Mann auf Sylt: "Mein kleiner Zauberberg"

12. August 1922

Bestes Tagebuch, erster Anblick der Nordsee bei List: hübsch. Strandkörbe, weicher Wind. Erika leidet am Ohre und bleibt bei Katia. Golo nervt. Klaus stört. Monika zu laut. Ich spaziere die Insel. Rotes Kliff und weiter.

In Westerland tanzten sie im Trocadero wie toll, sogar Zweig macht sich zum Narren. Wollt aber zwischen den Musiken mit mir diskutieren. Was gibt’s zu diskutieren? Habe ihm gesagt, seine jüngste Novelle liest sich schlimm. Keine weiteren Diskussionen.

Auf der Wanderdüne Gerhart Hauptmann getroffen, zum ersten Mal überhaupt. Gelegenheit, Die Weber das zu nennen, was sie sind, langweilig und trivial, Ratten aber besser gefallen, nur langweilig, nicht trivial. Hauptmann brummt und steigt hinab. Hatte die Düne dann für mich. Mein kleiner Zauberberg.

Und Nolde, hoffnungsloser Nolde, steht mit Staffelei im Wege, geistig wie von Sinnen. Weiß nicht, wer kaufen soll, was Emil Nolde malt. Kranke Farben, kranke Form. Habe gesagt, der Schattenriss Sylts, von oben betrachtet, ist singulär, embryonal kauert sich diese Insel ins Meer, aus dem sie geboren; würde Nolde raten, nur noch diese Form malen in allen Farben, in Serie, da täte er auch endlich mal verkaufen.

Ansonsten Grog. Hoffen auf den Nobelpreis. Überfällig.

Theodor W. Adorno auf Rügen: "Richtiger Sommer im falschen"

12. August 1933

Ich besuche Gretel auf Rügen, sie kuriert bei Binz ihre Migräne. Die jüngste Krisis besteht im grässlichen Sonnenbrand auf meinen Schultern, als solcher bedingt dadurch, dass die Träger meines Strandhemdes zu schmal konfektioniert sind. Denke ich dieses Unheil zu Ende, muss ich am Ende rot wie ein Krebs heimkehren.

Auch mit den Geheimratsecken wird es schlimmer. Gretel sagt, ein kahler Kopf stelle Autorität vor, aber ästhetische Autorität kann nie mein Ziel sein. Eine Autoritätsfixierung birgt stets eine präfaschistische Disposition. An den hiesigen Badeaufsehern wird es evident: Hörig sind ihnen alle, jeder Befehl wird mit Eifer befolgt. Grausige Dialektik: nichts befähigt den Badeaufseher zur Autorität als eben jene Hörigkeit des Touristen, der im Subalternen zu seiner Bestimmung kommt. Die Aufgabe auf Rügen besteht also darin, weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. Gibt es denn keinen richtigen Sommer im falschen?

Die Sängerin und Schauspielerin Lale Andersen am Strand der Nordseeinsel Langeoog, 1957 © United Archives/ddp images

Lale Andersen auf Langeoog: "Der Himmel war schwer"

1. Juni 1962

Liebes Tagebuch, der nächste Kulturschreiber, der mich als "Maid von der Waterkant" bezeichnet, den such ich persönlich auf, und dann zeig ich ihm, was es mit der Kante auf sich hat. Ich bin die Rolle der Seemannsbraut so satt, eigentlich hätte ich in die Berge ziehen müssen. Und selbst dort hätten sie mich aufgespürt, die Nachsteller und Anhimmler.

Die Teilnahme am Eurovisionszirkus war ein Fehler, ich hab es von Anfang an geahnt. Dreizehnter von 16 Plätzen. Einmal sehen wir uns wieder, schon der Titel des Lieds war vernebelt. Beim Text habe ich gesagt, Leute, wir leben in einer neuen Zeit, hört euch doch bitte mal diese Briten an, die in Hamburg auf der Großen Freiheit herumschrammeln, Beaters oder so ähnlich, das ist die Zukunft! "Und der Sonntag war grau und der Himmel schwer und der Regen schlug aufs Dach. Und die Straße entlang bis hinab zum Meer, sah ich dir vom Fenster nach." Warum singe ich so was? Als wär ich irgendein Frauchen, das nichts Bessres zu tun hat als einem Typen nachzuschmachten. Außerdem reimt sich Dach nicht auf nach.

Theodor Fontane auf Usedom: "Nur Hitze ist keine Wonne"

24. August 1863

Mein Tagebuch,

was ich zu berichten beabsichtige, ist mir in den verstrichenen Tagen zwischen Swinemünde und Ahlbeck kundgeworden, wo ich Reisen verbringe.

Die Hitze ist, mit Verlaub, eine Frechheit. Dass ein verdienter Schreiber so schwitzen muss! Ich will beschreiben, wie ich am ganzen Körper in Dunst gerate: Es beginnt am Rücken und breitet sich aus, kriecht empor und fließt hinab, bis mein Gewand ein nasser Lappen ist. Jeder Tag führt den Beweis, dass sich der Mensch nicht an alles gewöhnt.

Ob Theodor Storm auch so transpiriert? Oder Hebbel? Habe beiden geschrieben, was getan werden könne. Die hiesigen Pommern sind keine Hilfe, sie essen den ganzen Tag salzigen Hering an Kartoffeln, morgens schon, nachdem der Fisch am Hafen eingebracht ist, mittags dann weiter in großen Mengen, und am Abend ist ihnen das Mahl immer noch nicht zuwider. Nehme deshalb Abstand, was ich mit Herzensregung überlegt hatte, nämlich ein Haus zu erwerben, mit Blick auf das graue Meer. Aber nur Meer und Hitze sind keine Wonne. Und weil ich nicht lügen mag, sage ich dazu, die Preise sind unverschämt geworden auf Usedom, fast so, als wär dies Berlin oder London. Es gibt kein Wort für diese Entwicklung, aber ich schwöre, wäre eins zur Hand, ich täte es benutzen.