Der 1. Dezember 2016 soll ein Tag werden, an dem die Welt wieder einmal voller Entsetzen nach Frankreich schaut. Ein Terroranschlag in der Dimension des Massakers im Pariser Nachtclub Bataclan ein Jahr zuvor, so hat er sich das vorgestellt. Das Ziel: offenbar ein Szenecafé in der französischen Hauptstadt. Wenige Tage vor dem geplanten Terroranschlag fehlen Hicham El Hanafi, damals 26, allerdings noch die Waffen, zwei Kalaschnikows.

El Hanafi glaubt, dass die Sturmgewehre von Helfern der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) in einem Wald bei Paris vergraben worden sind. 17 Tage vor dem geplanten Anschlag fährt er dorthin, er sucht und sucht, findet die Kalaschnikows aber nicht. Ein paar Tage später, in der Nacht zum 20. November 2016, fassen ihn französische Spezialkräfte. Das Waffenversteck im Wald: Es war eine Falle der Beamten.

Die Festnahme El Hanafis bedeutet das Ende einer Terroristenkarriere, deren Spuren über weite Teile Europas verstreut sind. Auch über Deutschland: Mindestens zehn Monate lebte El Hanafi in Nordrhein-Westfalen und pflegte dort einschlägige Kontakte.

Für den IS gehören Anschläge in Europa zum Kern seiner Strategie. Mehrfach schlugen IS-Attentäter in Paris und Brüssel zu, außerdem in Nizza, bei einem Rockkonzert in Manchester, auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin. Oft haben Sicherheitsbehörden quer über den Kontinent anschließend rekonstruiert, wie die Terroristen Staatsgrenzen überquerten, während sie ihre Taten planten und Mitverschwörer trafen.

Angesichts dieser länderübergreifenden Bedrohung haben die europäischen Polizei- und Geheimdienstbehörden ihre Kooperation in den letzten Jahren ausgebaut. Oft mit Erfolg, wie Ermittler beteuern. Der Fall des Hicham El Hanafi offenbart allerdings, wie schwer es ist, Terrorverdächtigen das Handwerk zu legen, selbst wenn die Dienste eng zusammenarbeiten.

Auch der Bruder sollte zum Täter gemacht werden, doch der ging zur Polizei

Die ZEIT hat in Zusammenarbeit mit dem portugiesischen Nachrichtenmagazin Sábado Ermittlungsakten aus Portugal, Spanien, Marokko, Frankreich und Deutschland eingesehen, um El Hanafi und sein Netzwerk auszuleuchten. In Deutschland, wo El Hanafi mehrere Monate verbrachte, fiel er als Betrüger auf, aber mutmaßliche Terrorverbindungen, vor denen die portugiesische Polizei gewarnt hatte, konnten die deutschen Ermittler nicht nachweisen. Und am Ende war es nach Informationen von ZEIT und Sábado der israelische Geheimdienst, der das entscheidende Puzzlestück lieferte.

Die Geschichte dieses vereitelten Anschlags beginnt in Fès in Marokko, im Sommer 2013. Der damals 23-jährige Hicham El Hanafi arbeitet als Koch in einem Restaurant. In seiner freien Zeit hört er Musik, trinkt Alkohol, hat Frauengeschichten. Seine Heimatstadt hat er noch nie verlassen. Religion ist ihm egal. Doch dann hat er eine Begegnung, die sein Leben verändert. Er trifft Abdesselam Tazi, 36 Jahre älter und ehemaliger marokkanischer Polizist – und der setzt ihm die Idee in den Kopf, als vorgeblicher Asylbewerber nach Europa zu ziehen. Tazi besorgt El Hanafi eine rumänische Einwohnerkarte, er selbst besitzt einen gefälschten französischen Pass. Damit kann Tazi Flüge für beide buchen. Unter Asylrechtsexperten gilt das als Luxusvariante der illegalen Migration.

Am 23. September 2013 landen El Hanafi und Tazi in Lissabon. Die Grenzpolizei fängt sie am Flughafen ab, weil ihre Ausweisdokumente gefälscht sind. Aber Tazi weiß, was zu tun ist: Sie geben sich als politisch Verfolgte aus und behaupten, sie hätten an den Protesten des Arabischen Frühlings teilgenommen. Und tatsächlich, ihre Asylanträge werden anerkannt, Tazi und El Hanafi erhalten eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. In Lissabon werden sie zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Ab diesem Zeitpunkt sind Tazi und El Hanafi unzertrennlich. Sie leben zusammen und reisen durch Portugal und später durch Europa und in die ganze Welt. Tazi bestimmt die Ziele, organisiert die Trips und zahlt. Er ist wie ein Vater für El Hanafi.