Diese Exklusivrecherche hat besonders viele Leserinnen und Leser interessiert. Deswegen stellen wir den Artikel hier erneut zur Verfügung, falls Sie ihn verpasst haben sollten.

Spätabends, an einem milden Wintertag im Januar 2012, brennt im achten Stock der Berliner Toll-Collect-Zentrale am Potsdamer Platz noch Licht. Es scheint aus dem Büro von Joachim Wedler, einem großen, gutmütigen Kerl von fast 1,90 Metern mit einer Schwäche für selbst gedrehte Zigaretten. Eigentlich wollte Wedler, so erinnert er sich heute, schon lange zu Hause sein. Nun aber hockt er in seinem Büro und starrt, umgeben von Regalen voller Aktenordner, auf eine Tabelle. Sie passt auf ein DIN-A4-Blatt und trägt den drögen Titel "Übersicht Vergütung MaB". Fünf Jahre später wird sie zu Ermittlungen führen, die so brisant sind, dass sich sogar die Bundesregierung einmischt.

Wedlers Arbeitgeber Toll Collect lebt von einem einzigen Kunden: dem deutschen Staat. Für ihn betreibt das Unternehmen seit 2005 die Lkw-Maut auf Deutschlands Autobahnen. Über Satellit und mit eckigen Kameras auf grauen Maut-Brücken erfasst es, wenn Lastwagen die Straßen nutzen, und stellt die Nutzung dann in Rechnung. Für den Staat ist das eine wichtige Geldquelle: Rund 4,5 Milliarden Euro bringt sie pro Jahr ein. Außerdem verdienen daran zwei Unternehmen, denen Toll Collect mehrheitlich gehört: die Telekom und Daimler.

4500000000 Euro hat der Bund im Jahr durch die Lkw-Maut eingenommen.

Als Wedler Anfang 2012 über die Tabelle stolpert, geht es für Toll Collect um einen wichtigen Zusatzauftrag. Die Lkw-Maut, so will es die Bundesregierung, soll künftig auch auf großen Bundesstraßen erhoben werden. Wedler und seine Kollegen haben berechnet, welche Kosten Toll Collect durch den neuen Auftrag entstehen würden. Laut Tabelle sind das 2,1 Millionen Euro pro Jahr. Es gibt aber noch eine zweite Zahl, und sie lässt Wedler keine Ruhe. Sie gibt an, was Wedler als Kosten beim Bund abrechnen soll. Sie ist mehr als doppelt so hoch: 5,3 Millionen Euro. Wedler soll gut drei Millionen Euro pro Jahr zu viel verlangen.

Wedler ist Diplom-Kaufmann, kein Jurist. Aber er empfindet das, was er tun soll, als Betrug. Er fragt sich, so erinnert er sich heute: "Was, wenn das auffliegt? Bin ich dann mit dran?"

17000 Seiten stark ist der Vertrag zwischen Bund und Toll Collect.

0 Seiten wurden von der Bundesregierung veröffentlicht.

Der Öffentlichkeit ist zu jener Zeit aus dem Innenleben von Toll Collect so gut wie nichts bekannt. Die Regierung behandelt die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen von Beginn an wie ein Staatsgeheimnis. Mehr als 17.000 Seiten umfasst der Vertrag mit dem Maut-Betreiber. Nicht eine davon hat die Regierung veröffentlicht. Wie Toll Collect für seine Dienste bezahlt wird, können die Bürger nicht nachvollziehen.

Dabei gibt es zwischen dem Unternehmen und dem Staat seit Jahren Streit um Summen, zu denen sich die Millionen von Joachim Wedler im Vergleich recht klein ausnehmen. Wegen unzähliger Streitpunkte hatten der Bund und Toll Collect sich auf Milliarden Euro verklagt. 14 Jahre lang lief die Auseinandersetzung, quasi von Vertragsbeginn an. Ausgetragen wurde der Streit hinter verschlossenen Türen, vor einem privaten Schiedsgericht. Zuletzt forderte der Bund von Toll Collect 9,6 Milliarden Euro. Im Mai dieses Jahres gab es einen Vergleich, auch er ist nicht öffentlich. Es handele sich um "die bestmögliche Lösung für den Steuerzahler", verkündete Andreas Scheuer, der Verkehrsminister von der CSU. Doch wie soll die Öffentlichkeit das beurteilen, wenn fast alles unter Verschluss gehalten wird? Und steht nicht zu befürchten, dass viel mehr im Argen liegt, wenn Mitarbeiter wie Wedler höhere Kosten abrechnen sollen, als angefallen sind?

Seit wann auf welchen Straßen Maut fällig wird

2005

2012

2015

2018

Tatsächlich gibt es viele Gründe, Toll Collect und seinen Managern zu misstrauen, zumal das Verkehrsministerium in den vergangenen Jahren nicht den Eindruck machte, die Interessen der Steuerzahler gegen das Unternehmen durchzusetzen. Dieses Bild ergibt sich aus Dokumenten, die die ZEIT, ZEIT ONLINE und das ARD-Magazin Panorama ausgewertet haben.

Den Reportern liegen Verträge, interne Untersuchungsberichte, E-Mails, Ermittlungsakten, Durchsuchungsprotokolle sowie geheime Unterlagen aus dem Schiedsgerichtsverfahren vor. Außerdem haben sie mit Insidern aus dem Umfeld von Toll Collect, einem früheren Geschäftsführer, Beamten, dem aktuellen und zwei ehemaligen Verkehrsministern gesprochen. Mehrfach haben sie sich zudem mit Joachim Wedler getroffen, der sich schließlich entschied, mit seiner Geschichte aus dem Innenleben von Toll Collect an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Recherchen zeigen, dass Toll Collect dem Staat Hunderte Millionen Euro zu viel in Rechnung stellte, sogar Dinge, die nichts mit der Maut zu tun hatten. Sie zeigen, wie Wedlers Entdeckung die Staatsanwaltschaft Berlin zu Ermittlungen wegen Betruges veranlasst hat und wie die Regierung versuchte, das Verfahren im Keim zu ersticken. Und sie werfen grundsätzliche Fragen auf: Warum verheimlicht der Staat fast alles, was mit diesem Unternehmen zu tun hat? Wäre es im Sinne der Steuerzahler nicht besser, er würde die Zusammenarbeit aufkündigen?

Gerade die Frage nach der Zusammenarbeit stellt sich in diesen Tagen dringend. Nach 16 Jahren läuft der Betreibervertrag des Bundes mit Toll Collect nämlich Ende dieses Monats aus. Die Regierung aber will das Maut-System wieder an Konzerne vergeben, die Ausschreibung läuft bereits. Es ist sogar vorstellbar, dass Toll Collect künftig auch noch die geplante Pkw-Maut eintreiben soll, schließlich verfügt die Firma praktischerweise bereits über die erforderlichen Kontrollbrücken.

Ein Mann wie Joachim Wedler stört da nur, wenn er auf Missstände aufmerksam macht, die Fragen zur Integrität der Toll-Collect-Manager aufwerfen.

Anfang 2012 arbeitet Wedler seit sieben Jahren bei Toll Collect. Die ersten fünf hat er in guter Erinnerung. Er wurde sogar in das "Toll Collect Entwicklungsprogramm" aufgenommen. Das, so beschreibt es eine interne Präsentation, fördert Mitarbeiter, die sich durch ein "großes Maß an Leistungsfähigkeit" auszeichnen. In einem Zwischenzeugnis von 2010 heißt es, Wedlers Verhältnis zu Vorgesetzten und Kollegen sei "einwandfrei".

2010 wechselt Wedler in eine Abteilung, die für die Abrechnung mit dem Bund zuständig ist. Dort fühlt er sich schnell unwohl. Der Druck, so empfindet er es, ist hoch, die Zeit knapp, der Ton eisern. Nachfragen zur Abrechnung mit dem Bund, so schildert es Wedler, seien unerwünscht gewesen. Als er den Abteilungsleiter dennoch auf sein Problem mit den fünf Millionen Euro anspricht, habe die Antwort gelautet: "Wollen Sie etwa die Geschäftsführung kritisieren?" So sagt Wedler es später bei der Staatsanwaltschaft aus. Der Abteilungsleiter behauptet hingegen, so ein Gespräch habe nie stattgefunden.

Joachim Wedler war bei Toll Collect bis 2012 für die Abrechnung mit dem Bund zuständig. © Torsten Lapp

Gelernt hat Wedler ursprünglich den Beruf des Bierbrauers, das BWL-Studium sattelte er obendrauf. Es ist nicht die erste schwierige Situation in seinem Berufsleben. Aber diese macht ihm besonders zu schaffen. Selbst im Skiurlaub redet er über kaum etwas anderes. "Das war eine ständige psychische Belastung", sagt Wedler heute. Schließlich wird er krank, für mehrere Wochen, leidet an Erschöpfung und Schlafstörungen.

In dieser Zeit, Ende März 2012, wird der Vertrag zur Erweiterung der Maut auf Bundesstraßen geschlossen. In ihm stehen als zu erwartende Betriebskosten jene 5,3 Millionen Euro, die Wedler als Betrug empfindet. Sie bekommt Toll Collect jedes Jahr bezahlt. Der Vertrag legt zusätzlich eine garantierte Rendite von fünf Millionen Euro pro Jahr fest, obendrauf kommen auch noch Erfolgs- und Risikoprämien. Sie, so erklärt es ein Vertreter des Bundesverkehrsministeriums gegenüber der Staatsanwaltschaft Berlin, summieren sich über die Vertragslaufzeit auf mehr als 50 Millionen Euro.

Ein Vertrag mit quasi risikofreien Gewinnen für ein privates Unternehmen, garantiert vom Staat. Kann es wirklich sein, dass Toll Collect das noch nicht reicht, dass der Konzern dann auch noch betrügt?