Tor Martin Anfinnsen verkündet seine Vision am liebsten in Kårstø, einem zehn Quadratkilometer großen Gewirr aus Rohren, Tanks und Schornsteinen am Boknafjord nahe Stavanger in Norwegen. Hier liege die Lösung für eins der großen Menschheitsprobleme, für den künftigen Umgang mit dem Treibhausgas Kohlendioxid. "Die Speichermöglichkeiten vor unserer Küste sind praktisch unbegrenzt", sagt Anfinnsen, "wir könnten dort für Hunderte von Jahren alle europäischen Emissionen aufnehmen."

Ein großes Wort aus dem Mund des Vertriebschefs von Equinor, besser bekannt unter dem bis Anfang 2018 gültigen Firmennamen Statoil. Der Ölkonzern, mit 50 Milliarden Euro Jahresumsatz Norwegens größte Firma, will mit dem Namen sein Image wechseln. Statoil klang nach Öl. Equinor klinge nach Equilibrium, nach Gleichgewicht, heißt es in einer Erklärung des Firmenchefs. Vom Klimasünder will man zum Klimaretter werden. Und das geht so:

Künftig möchte der Öl- und Gaskonzern das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung seines Erdgases frei wird, wieder zurücknehmen. Und dorthin in die Erde pumpen, wo vorher das Erdgas lagerte. Kårstø soll dabei eine zentrale Rolle spielen. Hier betreibt Equinor derzeit das größte Erdgas-Verteilzentrum Norwegens. 30 Offshore-Erdgasfelder sind angeschlossen. Von hier aus wird das Gas in eine dicke Pipeline gepresst, die unter dem Meer hindurch bis ins 650 Kilometer entfernte Dornum in Ostfriesland führt. 19 Millionen Haushalte in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern werden darüber mit Erdgas versorgt. Was Anfinnsen vorschwebt, ist die Umkehrung dieses Weges.

Die Pipelines könnte man nämlich auch zum Transport von CO₂ nutzen. Erdgas hin – CO2 retour. Von Kårstø aus könnte das Treibhausgas in erschöpfte Erdgasfelder und andere geeignete geologische Formationen tief unter dem Meeresboden gepumpt werden. Im Idealfall könnte ein Großteil der Infrastruktur, all die Rohre, Tanks und Steuereinheiten, sogar übernommen werden. Aus Versorgungs- könnten Entsorgungspipelines werden. Und das Kohlendioxid würde, statt das Klima aufzuheizen, tief unter dem Meeresgrund sicher lagern. Carbon Capture and Storage, kurz CCS, heißt die Technik, die Norwegen dafür weltweit zum ersten Mal in all ihren Aspekten demonstrieren will.

Tatsächlich scheinen hier zwei Dinge wunderbar zusammenzupassen. Deutschland schafft es nicht, seine Klimaziele zu erreichen, Norwegen sucht nach einem langfristigen Ersatz für die Milliarden aus der Öl- und Gasförderung. Noch ist man der weltweit drittgrößte Erdgas-Exporteur; die Weltbank stuft Norwegen nach einer neuen Berechnungsmethode als reichstes Land der Welt ein. Doch die Hälfte aller Gasvorkommen ist bereits erschöpft, und die Fördermengen sinken.

In Deutschland gilt die Endlagerung von CO2 als "Zeitbombe im Boden"

Norwegen als Endlager für Europas Treibhausgas – es ist eine kühne Vision, und es ist bereits der zweite Anlauf. Schon vor mehr als zehn Jahren hatte Norwegen ein milliardenschweres Förderprogramm für die CCS-Technik aufgelegt, vom damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg großspurig als "Norwegens Mondlandung" angekündigt. Die Mondlandung endete als Crash. Die Kosten liefen aus dem Ruder, Stoltenberg wurde abgewählt, das Programm 2013 eingestampft.

Unter dem neuen Namen "Polarlicht-Projekt" soll es diesmal klappen. Davon ist jedenfalls Terje Søviknes überzeugt, der zuständige Öl- und Energieminister von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei. In seinem Ministerbüro in Oslo spricht er davon, dass man damals einen entscheidenden Fehler gemacht habe: Die CCS-Technologie wurde mit der Rettung von Kohlekraftwerken in Verbindung gebracht. Doch das hätte den klimapolitisch notwendigen Kohleausstieg nur unnötig verzögert, entsprechend groß war der Widerstand europäischer Umweltorganisationen.