Wie vergiftet die Früchte des Handelskrieges sind, zeigen die jüngsten Berichte aus Amerika. Der 25-Prozent-Strafzoll auf Stahl hat nicht dem Lande als Ganzem gedient, sondern nur den heimischen Stahlkochern. Der Gigant Nucor meldet für das abgelaufene Quartal den zweithöchsten Gewinn seiner Geschichte. Kein Wunder. Den ausländischen Exporteuren haben die Zölle den Konkurrenzvorteil geraubt. So konnten Nucor und U. S. Steel lehrbuchgemäß die Preise und Profite erhöhen. Dagegen leiden Hunderte von Stahl verarbeitenden Firmen, die mit dem verteuerten Rohstoff leben müssen: Hersteller von Autos, Traktoren, Rolltreppen, Baugerüsten, bis runter zu Bierdosen und Rasierklingen.

Die Zahlen: Gehätschelt werden 140.000 Arbeiter in der Stahl erzeugenden Industrie, bestraft werden 6,5 Millionen im Stahl verarbeitenden Sektor, wo alles teurer wird, Nachfrage und Gewinne abstürzen. Gleich ein doppelter Jobverlust droht: einmal durch Entlassungen, zum Zweiten durch "Jobexporte", weil zum Beispiel Harley-Davidson seine für die EU bestimmten Motorräder in Asien zu produzieren gedenkt. Die EU hat im Revanche-Foul mächtige Zollmauern gegen US-Bikes hochgezogen, die für die neue Produktionsstätte nicht gelten.

Damit nicht genug. Die Profiteure des Protektionismus wollen ihr Privileg auch noch einbetonieren. Den ächzenden Stahlimporteuren steht es frei, die Regierung um die Freistellung von den Strafzöllen anzubetteln. Es laufen über 20.000 Anträge. Und was tun die Platzhirsche, die um ihre fetten Sondergewinne fürchten? Sie bedrängen Washington, bloß keine Ausnahmen zu machen. Denn die wieder anschwellenden Stahlimporte würden ihre Profite stauchen. Die Story liest sich wie antikapitalistische Agitprop über die Macht der Konzerne. Das Wall Street Journal registriert: "Mehrere Top-Leute in der Regierung Trump sind eng mit der Stahlindustrie verbunden."

Was als Schutz für die US-Stahlkocher plakatiert wurde, entpuppt sich als Bereicherungsprogramm für privilegierte Unternehmen mit Einfluss. Fröhlich kräht der Chef des US-Stahlkonzerns Nucor, John Ferriola: "Die Zölle funktionieren." Doch nicht für die Nation, sondern nur für Nucor, U. S. Steel und Co. Richtig pervers wird es, wo es um den angeblichen Hauptnutzen von Zollmauern geht: die Verringerung des US-Handelsdefizits. Dieses ist nämlich im Juni um 7,3 Prozent im Vergleich zum Mai hochgeschossen.

Wie das? Die Ökonomie kennt die Antwort: Handelsbarrieren sind nutzlos im Kampf gegen Handelsdefizite. Diese entstehen, wenn ein Land mehr verbraucht, als es produziert, und/oder der Staat mehr ausgibt, als er einnimmt, was Trump mit seinem deficit spending kräftig befördert. Folglich wird die Lücke mit Importen gefüllt, folglich wächst das US-Handelsdefizit, das zusätzlich durch rasantes Wirtschaftswachstum (4,1 Prozent) und einen starken Dollar hochgetrieben wird. Zölle wirken da wie ein Pflaster bei einem Arterienriss – erst recht, wenn die Außenwelt Vergeltung übt.

Schlimmer: Die Schutzzölle vergiften auch noch den Körper. Ein Stahlverarbeiter wie Ford hat gerade die Halbierung seiner Gewinne gemeldet. General Motors hat eine Gewinnwarnung herausgegeben und verweist auf einen Preisauftrieb von 33 Prozent bei Stahl. In Detroit wuchert die Angst vor Entlassungen.

Weiter mit dem Wahnsinn. Da China Schweinehälften und Soja mit Gegenzöllen belegt, will Trump Amerikas Farmer mit zwölf Milliarden Dollar entschädigen. Da werden andere Industrien nicht zurückstecken, und so schätzt die US-Handelskammer, dass die Rechnung auf 40 Milliarden Dollar anschwellen werde. Hartz IV für Konzerne und Großagrarier. Törichter geht es nicht. Erst beschädigt Trump mit seinen Abgaben US-Produzenten, dann päppelt er sie mit Steuergeldern wieder auf.

Ökonomen nennen diese Politik eine gewaltige Fehlsteuerung von Ressourcen. Schlimmer: Die geht zwangsläufig einher mit Klüngel-Kapitalismus und Korruption. Wer den größten Einfluss in Washington hat, kriegt das dickste Stück vom Kuchen des staatlichen Geldsegens. Man braucht ein "stabiles Genie" (Trump über Trump), um dergestalt "America great again" zu machen.