Erweckungserlebnis Weimar klingt nicht sehr originell. Aber diesmal geht es nicht um Goethe. Sondern um lebendigste Gegenwart. Und zwar die Gegenwart von Bürgerlichkeit, wie man sie sich unprätentiöser, deutscher nicht denken kann. Protestantisch allerdings. Aber Charakter gibt es nicht ohne Bestimmtheit und So-Sein.

Dabei ist es gar nicht so schwer: Bürgerlichkeit ist da, wo man aus einer zumindest angestrebten Arbeits-, Familien-, Beziehungswelt heraus im allerweitesten Sinne kulturellen Neigungen folgt, an die nahen und fernen Mitmenschen Gedanken und Gefühle verschwendet und sich fürs Gesellschaftsganze nicht rundheraus unzuständig erklärt.

Innerhalb dieser großzügigen Definition gibt es Kreise, vor denen man sich verneigen möchte, wenn man das Temperament dazu hat. Wie neulich in Weimar. Dabei begann das Wochenende, beliebig genug, mit einem japanischen Zeichentrickfilm. Von dem erzählte der Vater bei der samstäglichen Ankunft, weil der elfjährige Sohn gerade den ersten Satz einer Mozart-Sonate übte. In jenem Film, so der Vater, habe eine Figur diese Sonate gespielt, und danach habe sich der Sohn in den Kopf gesetzt, sie auch zu spielen. Und so wurden an diesem Nachmittag immer wieder Takte geprobt – zwischen Star Wars-Figuren, Fußball und Ums-Haus-Jagen. Das nur für die durchaus nicht abgehobene Atmosphäre dieser Bürgerlichkeit: Es geht nicht um Realitätsflucht, Medien-Askese, aseptischen Drill oder krankhaften Ehrgeiz.

Die Hauptperson, Tochter des Hauses, schob derweil zwischen Trampolintoben und Zurechtmachen für den Vorabendgottesdienst der Konfirmanden ein Vorspiel in der städtischen Musikschule mit ihrem Streichquartett ein – lässig, offensichtlich entspannt. Musik machen wie Haare kämmen.

Dann der Gottesdienst. Ein Pfarrer, der in seiner warmen, robusten, intelligenten Menschlichkeit die Jugendlichen erreicht und die Erwachsenen belebt, belehrt und berührt. Ein Jugenddiakon, der zur Gitarre greift – man stöhnt schon leise auf und hat Angst vor dem DankefürdiesengutenMorgen, das da kommen mag –, und dann ist es einfach gut, Gerhard Schöne, DDR-Singer-Songwritertum, und erreicht auch die Jugendlichen. Ein Mann und ein Vortrag mit besonderem Charisma, das ganz ohne Ranschmeißen auskommt, mit Niveau und ruhiger Freundlichkeit.

Die Versammelten singen dermaßen kräftig und freudig die klassischen Kirchenlieder der Paul Gerhardts dieser evangelischen Welt, mit ihrem großartig schlichten Deutsch – gegenwartstauglich wie nur etwas. Im Englischen heißen sie nicht umsonst hymns, und das Hymnische an ihnen funktioniert als das Gegenwärtige. Viele suchen doch das Hymnische in der Musik, nur meist am Pop- und Schlager-Ort. Die innere gerade Haltung, die man beim Singen dieser Kirchenlieder annimmt – man möchte aufstehen dabei –, ist im religiösen Kontext doch jedenfalls weit schöner als im nationalen. Und zu alledem spielt jemand Orgel, dass man dafür danken möchte, und jemand Trompete, dass man dafür danken möchte.

Man war auf die Kirche zugegangen und vom Pfarrer vor der Kirchentür mit Händedruck und offenem Lächeln begrüßt worden. Man war einander noch näher getreten durch das gemeinsame Singen und durch das Sprechen der uralt-bekannten Worte. Und als man dann zum Abendmahl eingeladen wird – "schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist" –, da ist man längst eine Gemeinde, eine Gemeinschaft, nimmt dankbar den klaren Blick und das konzentrierte "Für dich gegeben" der Kirchdiener entgegen. Und ist doch unter Weimarer Bürgern an einem Samstagabend 2018.

Sonntagmorgen im Konfirmationsgottesdienst kehrt das alles wieder. Jahrhundertealte Lieder vom Schönsten – "Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet" –, und der Pfarrer weiß in der Predigt, dass diesen jubelnden Dank ein todkranker Dreißigjähriger gedichtet hat, und findet starke Worte für das, was man für die Haltung zum Leben daraus lernen kann.

Und wieder das fabelhafte Klingen der Orgel, der Kantorei, des Posaunenchors. Die Erwachsenen als Vorbilder des Willens zur Qualität, zur schönen Form in Wort, Musik und zu freundlichem, freudevollem, menschlichem Miteinander. Als Vorbilder des Bemühens, hohen Anforderungen an sich selbst gerecht zu werden. Das erzieherische Bild der Wertschätzung der sozialen Institutionen durch die Erwachsenen, eine Wertschätzung, die den Jugendlichen fühlbar wird. Ein Gefühl dafür, was man sich und anderen als kulturellen Wesen schuldig ist. Wie man zusammenleben will. Es ist bei den Jugendlichen wie bei den neu Zu-uns-Kommenden: Wohinein sie sich integrieren sollen – das müssen sie überhaupt erst einmal spüren. In Weimar spürt man es.

Und bei alledem herrscht ja kein wahnsinniger Wohlstand. So kann man Stil und Haltung dieser Bürgerlichkeit nicht kleinreden – indem man sagt, die müsse man sich erst einmal leisten können. Nein, das ist erst einmal alles umsonst, kostenlos. Rettung aus Weimar. Evangelischer Gottesdienst als sozial-kultureller Brennpunkt, als Arche Noah stilbildender Bürgerlichkeit.