Karen Paulsen hat schon alles erlebt: die jungen Italiener, die Türen eingetreten haben und Sachen mitgehen ließen. Die koreanischen Messegäste, die frühmorgens eine Party auf dem Balkon gefeiert haben. Den Mieter, der wegen eines Jobs zwei Monate bleiben wollte und nach zwei Wochen abgereist ist, weil sein Vater gestorben war. Oder die Opernsängerin, die schnell wieder verschwunden ist, weil ihr das Bad zu klein war. "Mit jungen Männern, die übers Wochenende zum Feiern kommen, bin ich jetzt vorsichtig", sagt Paulsen, die in Wirklichkeit anders heißt – aber über den Online-Marktplatz Airbnb, auf dessen Website sie ihre Wohnung anbietet, kann sie nicht klagen: Die Kosten für die Schäden, die Gäste angerichtet haben, hat das Unternehmen übernommen. Ihre kleine Wohnung liegt da, wo Hamburg-Touristen besonders gerne übernachten: in einem der Hamburger Szeneviertel. Wo genau, möchte sie nicht in der Zeitung lesen, denn das, was sie macht, ist nicht ganz legal: Ihr Vermieter weiß nichts davon. Seit 2015 vermietet Karen Paulsen unter, im Schnitt verdient sie via Airbnb 6000 Euro jährlich. Auf diese Weise kann sie sich ein Atelier leisten, in dem sie malt und wo sie auch unterkommt, solange ihre Wohnung untervermietet ist. Wenn sie die Wohnung für die Touristen frei macht, räumt sie ihre privaten Unterlagen in eines ihrer drei Zimmer und zieht einen Vorhang zu. Ihre Bücher und ihre Platten dürfen die Gäste gerne nutzen. "Das ist ja auch ein bisschen wie Urlaub in einem anderen Leben", sagt sie.

Geht es nach dem Hamburger Senat, wird es Ende des Jahres schwieriger für Vermieter wie Paulsen. Die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen arbeitet an einer Novellierung des Hamburgischen Wohnraumschutzgesetzes. "Zweckentfremdung von Wohnungen als Ferienwohnungen" lautet der Tatbestand, um den es geht. Wenn die Verschärfung kommt, müssen Anbieter sich registrieren – und dürften ihre Wohnungen nur noch zwei Monate lang untervermieten statt wie bisher sechs. Derzeit bieten Hosts wie Karen Paulsen praktisch unkontrolliert Wohnungen via Airbnb, HomeAway oder Booking.com an. Sie bleiben meist anonym gegenüber dem Finanzamt, der Wohnungsbehörde – und auch gegenüber ihrem Vermieter, dessen Einwilligung zur Untervermietung sie eigentlich bräuchten. "Wenn ich mich registrieren müsste, wäre es vorbei mit Airbnb", sagt Paulsen.

Das Hauptargument, mit dem Politiker fast aller Fraktionen derzeit in Hamburg eine härtere Gangart gegenüber Portalen wie Airbnb fordern, lautet: Das sogenannte Homesharing geht auf Kosten der Menschen, die eine Wohnung suchen, da es dem Markt Wohnraum entzieht. "Wir stellen fest, dass inzwischen Wohnungen komplett gekauft und gemietet werden, einzig zu dem Zweck, sie über solche Portale zu vermieten", sagt Torben Wiencke, Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Bezirk Mitte, wo die meisten Airbnb-Angebote zu finden sind. Wiencke und seine Genossen haben Anfang Juli einen Antrag in die Bezirksversammlung eingebracht, der eine "Soko Wohnraumschutz" fordert: Mindestens 20 Mitarbeiter der Hamburger Bezirksämter sollen in Vollzeit damit beschäftigt sein, illegalen Angeboten auf den Portalen nachzuspüren. "Weil die Bezirksämter derzeit nicht die Kapazitäten haben, das zu verfolgen, ist es so selten wie ein Lottogewinn, wenn sie jemanden erwischen", sagt Wiencke. "Das darf nicht sein."

Wäre Karen Paulsens Angebot nicht anonym, sondern von ihrem Vermieter abgesegnet, würde Airbnb womöglich einen Profi-Fotografen vorbeischicken, der ihre kleine Szeneviertelwohnung ins rechte Licht rückt. Airbnb sieht sich als Internet-Heimat einer "Community". Man erzählt gerne die Gründungsgeschichte von den drei Studenten in San Francisco, die sich Gäste in ihre WG holten, um sich die Miete leisten zu können, sich mit ihnen anfreundeten und dann Airbnb gründeten: "Airbed and breakfast". Auf Deutsch: Luftmatratze und Frühstück. Inzwischen verwaltet das Unternehmen mehr als fünf Millionen Inserate weltweit, den Jahresumsatz schätzen Experten auf über drei Milliarden Euro, davon mehr als 54 Millionen Euro in Hamburg – ein "fast völlig unbehelligter Markt der Privatvermietung", wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband zürnt. Doch Airbnb pflegt unverdrossen das Image der Individualisten-Community. Man zeigt gerne die mongolische Jurte, die im Alten Land zu mieten ist, die "Schlafkanzel" im Wald bei Aumühle oder das Reetdachhaus mit zehn Schlafzimmern in der Nähe von Hamburg. Der Airbnb-Alltag sieht oft weniger charmant aus. Da teilen sich zehn Wochenendtouristen das Bad einer Dreizimmerwohnung auf St. Pauli – und nerven die Nachbarn mit Feierei bis in die Morgenstunden.

Immer häufiger komme es in den Innenstadtvierteln vor, dass Wohnungen komplett für solche Plattformen genutzt werden, berichtet Sylvia Sonnemann von "Mieter Helfen Mietern". Gerade erst habe sie wieder eine Mail bekommen: "Die Nachbarwohnung ist verkauft worden, der neue Vermieter ist nicht eingezogen, stattdessen herrscht Rollkofferalarm", zitiert Sonnemann. "In den einschlägigen Vierteln grassiert das Phänomen." Aber würde eine Gesetzesverschärfung nicht auch die Kleinen schädigen – Mieter wie Karen Paulsen, die sich mit der Zimmervermietung etwas dazuverdienen, ohne dem Markt damit Wohnraum zu entziehen? Nein, sagt die Juristin. Der Hartz-IV-Empfänger, der ein Zimmer untervermiete, weil das Amt die Gesamtmiete nicht übernimmt, der Pendler, der seine Wohnung unter der Woche vermiete, oder die Untervermietung während des Urlaubs: "Das kann ich alles mit dem bestehenden Mietrecht durchsetzen, dem müssen Vermieter in der Regel zustimmen", sagt Sonnemann.

Die Linke hat schon vor zwei Jahren eine "Taskforce" gegen die Zweckentfremdung von Wohnungen angemahnt, die CDU-Fraktion hat der Bürgerschaft einen eigenen Entwurf zur Verschärfung des Wohnraumgesetzes vorgelegt und fordert sofortiges Handeln, anstatt "zu Lasten der geplagten Mieter" noch bis Jahresende zu warten. Wer sich in Hamburg derzeit politisch profilieren möchte, wettert gegen das Privatgeschäft mit den Touristen.

Doch wie gravierend ist das Problem wirklich? Airbnb streitet ab, für eine Verknappung von Wohnraum verantwortlich zu sein. Das Angebot in Hamburg betreffe mit etwa 9000 aktiven Inseraten nicht mal ein Prozent des Wohnungsbestandes, rechnet Unternehmenssprecher Julian Trautwein vor, 40 Prozent der Inserate beträfen einzelne Zimmer. 270.000 Gästeankünfte habe es 2017 in Hamburg via Airbnb gegeben. Das seien etwa vier Prozent der gesamten Ankünfte von 6,7 Millionen. Der "überwiegende Teil der Gastgeber" seien "Privatpersonen, die gelegentlich einzelne Zimmer oder ihre selbst bewohnte Unterkunft anbieten", sagt Trautwein. 95 Prozent der Gastgeber in Hamburg hätten lediglich eine Unterkunft eingestellt, und 92 Prozent aller Unterkünfte würden weniger als 180 Tage im Jahr vermietet – damit fallen sie nach derzeitiger Regelung unter die Sechsmonatsklausel, es handelt sich nicht um Zweckentfremdung. Eine Reduzierung auf zwei Monate hält Trautwein für "unverhältnismäßig", weil es zulasten derer ginge, die "ab und zu ihr selbst bewohntes Zuhause" untervermieteten.