Man soll die Rechten lesen, empfiehlt Florian Schroeder

Muss man mit Rechten reden? Man muss sie vor allem lesen. Carl Schmitt, Kronjurist der Nazis, eine Art Steve Bannon der 1920er-Jahre, hat diesen Text geschrieben: Theorie des Partisanen. Die vielleicht beste Beschreibung des früheren und heutigen "irregulären Kämpfers", der nicht einfach Gewaltverbrecher ist, sondern in politischer Mission unterwegs. Selbst RAF und "Islamischer Staat" sind hier strukturell mitbeschrieben.

Und für alle, die glauben, der politische Islam sei der einzige Feind der Rechten, dem sei das letzte Kapitel über den wirklichen und den absoluten Feind empfohlen. Der wirkliche Feind ist der, mit dem wir uns "kämpfend auseinandersetzen, um das eigene Maß, die eigene Grenze, die eigene Gestalt zu gewinnen". Anders bei der absoluten Feindschaft: Hier will man die Gegenseite auch moralisch vernichten, "bis zur Vernichtung allen lebensunwerten Lebens". Was wäre, wenn der Hass auf den Islam nur der Anfang wäre? Carl Schmitt ist der Mephisto der Gegenwart. Ihn zu verstehen heißt, aus dem Bannkreis der eigenen Echokammern zu treten, getreu Nietzsches Diktum: "Ich impfe euch mit dem Wahnsinn."
Florian Schroeder, 38, ist Kabarettist

Olga Grjasnowa spricht Russisch mit Kindern und Bären

Mir ist wichtig, dass meine Kinder Russisch sprechen oder es zumindest verstehen. Obwohl Englisch unserer "Familiensprache" mittlerweile den Rang abgelaufen hat, wäre es für mich eine unheimliche Vorstellung, wenn meine Kinder kein Russisch beherrschen würden.

Ich fühle mich nicht unbedingt Russland selbst, schon gar nicht der Politik verbunden. Ich habe nur fünf Monate meines Lebens dort verbracht und fand diesen Aufenthalt alles andere als schön. Dennoch gibt es im Russischen Konnotationen und Sprachbilder, die in mir vieles bewegen. Weil sie Teil meiner Geschichte, unserer Familiengeschichte sind. Ich habe es immer bedauert, dass das Jiddische nach der Schoah in meiner Familie kaum noch gesprochen wurde. Wenigstens das Russische soll bleiben: Diese Sprache soll für uns kanonisch sein, zumindest noch eine Generation lang. Mein Russisch ist nicht perfekt, ich bin sicherer im Deutschen, aber das macht nichts: Allein das russische Diminutivum ist alle Mühe wert. Und so wälzen wir jeden Tag russische Kinderbücher und schauen immer wieder ein und dieselbe Folge von Mascha und der Bär an.
Olga Grjasnowa, 33, ist Schriftstellerin

Karl-Ludwig Kley rät zur republikanischen Grand Tour

Mein Traum von Italien blühte nach dem Abitur auf, erst in Rom und Florenz, später erarbeitete ich ihn in Mailand und Siena. In vielem, was mich heute bewegt, schwingt Italien mit. Klar, ich sehe auch die Schattenseiten des Landes, dennoch fühle ich: Hier wurzelt Europa.

Für mich gehört deshalb die gut vorbereitete und geführte Abiturreise nach Rom und Florenz zum deutschen Bildungskanon. Mit ihr kann man die Grundlagen der europäischen Gesellschaft sehen, erfassen, fühlen: die alte römische Kultur, die Renaissance, ja, auch die Institution Kirche. Eine solche Reise steht in der Tradition der Grand Tour der Neuzeit, mit der die Bildung junger Menschen aus gehobenen Kreisen ihren Abschluss fand. Mir schwebt eine republikanischere Variante vor, die der europäischen Idee dient.

Natürlich braucht es Bücher als Reisebegleiter. Die neuere Geschichte ist am besten bei Paul Ginsborg nachlesbar (leider nur auf Englisch). Historische Kleinodien sind die Skizzen von Roberto Zapperi. Der Roman Alle, außer mir von Francesca Melandri fühlt den Puls der Zeit. Und wer sich versucht fühlt, ein Tagebuch dieser Reise zu schreiben, für den ist Joachim Fests Im Gegenlicht ein Maßstab. Die Musik darf ich nicht vergessen: Zu ihr gehören Werke Verdis ebenso wie Stücke des Liedermachers Venditti. Was wäre Italien ohne sie!
Karl-Ludwig Kley, 67, ist Aufsichtsratsvorsitzender bei Lufthansa und E.on

Moderne Bildung braucht alte Texte, sagt Annette Schavan

Zweihundertachtzig Zeichen umfassen die Nachrichten, die wir twittern. Damit wird mittlerweile Politik gemacht und Geschichte geschrieben. Viele Tweets kommen aus dem Moment und sind schnell wieder belanglos. Sie alle können gespeichert werden, gehen also nicht verloren und sind doch nicht präsent.

Es gibt Texte, mit denen Menschen seit nahezu drei Jahrtausenden zum Ausdruck bringen, was sie bewegt, verstört und in die Verzweiflung treibt, was sie ermutigt, stärkt und jubeln lässt. Sie führen uns in die Welt von Menschen in den Traditionen des Judentums und des Christentums, die betend ihr Leben vor Gott betrachten. Sie stehen im Buch der Psalmen, das zum Alten Testament gehört. 150 Lieder, Gedichte und Gebete gehören dazu; ein fulminanter Schatz voller Poesie, großer Emotionen, tiefer Weisheit und Sprachgewalt, aus dem gelesen und gebetet wird, wenn Menschen ihre Beziehung zu Gott ins Wort bringen. Was immer uns im Leben zugemutet, anvertraut und geschenkt wird, in diesen Texten finden wir menschliches Leben in seiner ganzen Größe und Tragik, mit all seinen Höhen und Tiefen wieder. Psalmen werden auch nach 3000 Jahren von Menschen aller Kulturen und Religionen gelesen. Nichts daran ist vergangen. Deshalb gehören sie zu einem modernen Bildungskanon.
Die Politikerin Annette Schavan, 63, war Bundesbildungsministerin und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl

Lady Bitch Ray setzt die NSU-Morde auf den Lehrplan

Ein Must-know für die Zukunft ist ein dickes Buch über Rassismus, Kolonialismus, Feminismus, Sexismus und Intersektionalität. In diesem Buch stünden Auszüge aus Frantz Fanons Schwarze Haut, weiße Masken und Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter sowie Lessings Ringparabel.

Reaktionen auf Initiativen wie #MeToo und #MeTwo zeigen, wie unsensibel und ahnungslos viele sind. An Schulen setzt man sich mit dem Nationalsozialismus auseinander, versäumt es aber, aktuelle rassistische Machtverhältnisse anzuschauen: die Ressentiments gegen Deutsche mit Migrationsgeschichte, schwarze Menschen, Juden. Auch die Berichte über die NSU-Morde gehören deshalb in den Kanon! Es geht darum, einen differenzierten Umgang mit Religionen, mit Fundamentalismus und Extremismus zu erlernen. Schon Teenager sollten dafür sensibilisiert werden, was es heißt, "privilegiert", "weiß" oder eine "Person of Color" zu sein – dann würden die Kinder von AfD-Wähler*innen diese vielleicht von einer anderen Entscheidung überzeugen.
Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray, 38, ist Rapperin und promovierte Germanistin

Sophie Passmann will, dass man sich anstrengt – mit Wallace

Ich finde jeden Kanon arrogant. Meist stammt er von älteren, wohlsituierten Menschen, die sich anmaßen, ihn für alle aufzustellen. Trotzdem verstehe ich die Faszination einer solchen Liste. In meiner wäre das Buch Unendlicher Spaß von David Foster Wallace enthalten. Es hat mir mein erstes quälendes Literaturerlebnis bereitet.

Wallace entfaltet eine dystopische Welt so detailliert, dass er sie über 1500 Seiten ausbreitet, erbarmungslos. Ihm scheint egal, ob das Buch zugänglich ist. Im Gegenteil: Diese Literatur ist so unzugänglich, dass man danach zur Entspannung Thomas Mann lesen kann. Ich war damals 18 Jahre alt und kam von Paulo Coelho und Antoine de Saint-Exupéry. Mit Unendlicher Spaß habe ich die Abkehr vom Bekömmlichen vollzogen und verstanden: Kunst darf anstrengend sein, ist erst in dieser Anstrengung relevant. Meine Empfehlung ist daher ein Manifest gegen einen absolutistischen Kanon. Wallace versteht man nur in Relation zu anderen Werken. Für sich genommen stellt sich bei ihm diese Erkenntnis nämlich nicht ein.
Sophie Passmann, 24, ist Autorin und Radiomoderatorin beim Sender 1Live

Peter Lohmeyer faxt eine unendliche Geschichte (und verteilt ein paar Euro)

Heute hier, morgen dort, so viel unterwegs. Papa spielt, erklärt die Mama. Und die Kinder warten und warten ... bis ich endlich wieder zu Hause bin, zur Abendstunde. Noch schlafen sie nicht, also schnell das Buch genommen – ich lese vor. Die Kinder hellwach, ich vom Theaterspielen todmüde, das Kapitel will nicht enden. "Bitte, bitte, noch eine Seite", betteln die Kinder, und ich mache mit, lese, bis alle glücklich einschlafen.

Doch dann: ein Engagement in Kuba! Zwei Monate Sonne, Sehnsucht, Heimweh. Telefonieren? Keine Chance! Internet? Träum weiter! Also denke ich mir jeden Tag aufs Neue eine Geschichte aus und faxe sie nach Hause. Die Mutter liest sie vor, so bin ich nah. Wieder daheim, hebe ich die Bücher auf für später, wenn die Kinder selbst lesen können, und erfinde jeden Abend spontan meine Einschlafmärchen. So kann ich das Kapitel schließen, wann immer ich will. In meinem Kanon steht die Fantasie. Mit den unendlich vielen Geschichten, die sie bereithält.

Nun sind die Kinder alle aus dem Haus. Warum sie fast immer ein Buch dabeihaben? Vielleicht war’s das Vorlesen, vielleicht das Erfinden von Geschichten. Vielleicht auch der Trick: Wenn das Kind bis zur Seite 100 kam, gab’s einen Euro. Hauptsache, sie lesen!
Peter Lohmeyer, 56, ist Schauspieler

Shakespeare oder "Sendung mit der Maus"? Welche Werke muss man kennen, um in der Welt zu bestehen? Schreiben Sie mit am Kanon der ZEIT-Leser unter www.zeit.de/allgemeinbildung-kanon