Glyphosat ist als Unkrautvernichter bekannt, aber offenbar ist es auch ein sehr wirkungsvoller Geldvernichter. So war es zumindest Anfang der Woche, als sich innerhalb weniger Stunden rund zehn Milliarden Euro Börsenwert in Luft auflösten. Der Kurs der Bayer-Aktie ging zeitweilig um mehr als 13 Prozent zurück. Selten ist die Bewertung eines großen Dax-Konzerns so schnell geschrumpft. Auslöser war das Urteil eines US-Gerichts, das Glyphosat für giftig erklärt hatte, nicht nur für Pflanzen, sondern auch für den Menschen – und damit indirekt auch für Bayer.

In San Francisco hatte eine Geschworenen-Jury entschieden, dass der Hausmeister Dewayne Johnson Schadenersatz in Höhe von umgerechnet 250 Millionen Euro vom US-Konzern Monsanto erhalten solle. Johnson ist an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und macht Glyphosat dafür verantwortlich, genauer: das Unkrautvernichtungsmittel Roundup, das diesen Wirkstoff enthält. Der 46-Jährige hatte damit jahrelang Unkraut auf einem Schulgelände bekämpft. Und da ihn der Hersteller von Roundup, Monsanto, über die Gefährlichkeit dieses Stoffes getäuscht habe, klagte er. Mit Erfolg. Bayer betrifft das Urteil, weil die Leverkusener gerade Monsanto übernommen haben. Seit Juni gehört der Saatguthersteller den Deutschen. Alles, was Monsanto schadet, tut nun auch ihnen weh.

Wie zerstörerisch wird Glyphosat für Bayer noch werden? Umweltschützer sprechen von einem Wendepunkt. "Das ist der Anfang vom Ende der Arroganz dieses verfluchten Paars Monsanto-Bayer", erklärte der französische Umweltminister Nicolas Hulot in einem Interview mit der Zeitung Libération. In Deutschland forderte die Grünen-Politikerin Renate Künast ein sofortiges Glyphosat-Verbot. Doch weder die EU-Kommission, die für die Zulassung auf europäischer Ebene verantwortlich ist, noch die Bundesregierung wollten Konsequenzen aus dem Urteil ziehen. Politisch wird zwar seit Jahren über Glyphosat gestritten, aber alle Regierungen tun sich schwer, den Bauern seinen Einsatz zu verbieten – selbst Frankreich zögert.

Wichtiger als der politische Streit dürfte daher nun der Kampf vor Gericht sein. Offenbar befürchten viele Bayer-Aktionäre an dieser Front weitere Niederlagen. Allerdings verblüfft ihre heftige Reaktion. Denn an der juristischen Lage hat sich durch das Urteil weniger verändert, als es scheint. Seit Langem ist bekannt, dass Monsanto sich Tausenden Klagen wegen glyphosathaltiger Produkte gegenübersieht. Zuletzt hatte der Konzern im Februar über 5.200 Fälle berichtet. Und in den USA sind Urteile mit extrem hohen Strafzahlungen keineswegs unüblich, zumindest in den unteren Instanzen. Später werden diese Urteile oft wieder kassiert.

Insofern ist jetzt eingetreten, was fast zu erwarten war: In einem der vielen Fälle entschieden die Geschworenen zugunsten des Klägers. Ein anderes Gericht oder die nächsthöhere Instanz könnte zu einem anderen Schluss kommen. Monsanto hat angekündigt, in Berufung zu gehen. Und ein Bundesrichter, Vince Chhabria, vom Distrikt Nordkalifornien, ließ im Juli zwar einige Hundert bei ihm gebündelte Klagen zu, erklärte aber zugleich, die Beweislage erscheine ihm dünn.

Juristisch ist also nach wie vor völlig offen, ob Glyphosat Bayer teuer zu stehen kommen wird. Das Risiko bestand und besteht – aber Investoren scheinen es erst jetzt ernst zu nehmen. Auch Bayer erweckt den Eindruck, nicht sonderlich gut vorbereitet zu sein. Auf die Frage, welche Rückstellungen der Konzern als Vorsorge für dieses Risiko gebildet habe, will ein Sprecher nicht antworten. Der Konzern müsse sich bei diesem Thema zurückhalten, weil das US-Justizministerium Bayer und Monsanto verpflichtet habe, vorerst wie zwei unabhängige Firmen zu agieren. Finanziell ist die Übernahme zwar abgeschlossen, organisatorisch vollziehen darf sie Bayer-Chef Werner Baumann aber erst, wenn er alle Auflagen der Kartellbehörden umgesetzt hat.

Obwohl Bayer demnach eine Art Maulkorb verpasst bekommen hat, nimmt der Konzern zu dem Urteil Stellung. Erklärt etwa: "Bayer ist davon überzeugt, dass die Gerichte im weiteren Verfahrensverlauf zu dem Ergebnis kommen werden, dass Monsanto und Glyphosat für die Erkrankung von Herrn Johnson nicht verantwortlich sind." Und der Konzernsprecher bestätigt auch eine Information des Handelsblattes, derzufolge Bayer für die Fusion eine spezielle US-Tochter gegründet habe. Durch sie, so hatte die Zeitung einen Juristen zitiert, gehe das Risiko aller vergangenheitsbezogenen Klagen nicht auf Bayer über. Wieweit das wirklich hilft, Schaden abzuwehren? Zur Bedeutung dieser Konstruktion, sagt der Firmensprecher, könne er nichts sagen. Das falle wieder unter das Schweigegebot.

Lange wird Bayer darauf nicht mehr verweisen können. Der Maulkorb entfällt, wenn der Weg für die Integration von Monsanto frei ist. Laut Konzern soll es "Mitte dieses Monats" so weit sein. Am Mittwoch war der 15.