DIE ZEIT: Wie alt ist die Idee eines Kanons?

Heinz-Elmar Tenorth: So alt wie die menschliche Kultur. Immer gab es einen festen Bestand an Wissen, Verhaltensmustern und erwartbaren Kompetenzen. Prägend für die abendländische Kultur sind die sieben freien Künste der Antike.

ZEIT: Und die wären?

Tenorth: Die drei sprachlichen Fächer: Grammatik, Dialektik und Rhetorik, also das korrekte Sprechen, das richtige Formulieren von Themen und die Fähigkeit, das in der Öffentlichkeit zu vertreten. Dazu das Quadrivium: Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik. Dieser Kanon galt aber nicht für jeden. Nicht für die Fremden, die Barbaren, schon gar nicht für die Sklaven, die ja nicht mal als Menschen galten. Es war der Kanon der Freien und Gebildeten, das gemeine Volk war seiner nicht würdig. Die trennende Funktion eines Kanons zeigt sich auch später, als die frühchristlichen Kirchen festlegten, was als kanonische Schrift anerkannt wird und was eine sogenannte apokryphe Schrift ist, also eine, die nicht als echt gilt. Damit legten sie fest, was ein richtiger Christ wissen, sagen und tun darf.

ZEIT: Einschluss und Ausschluss als Prinzip?

Tenorth: Genau. Der christliche Kanon wurde sogar mit Gewalt gegen Ketzer und Abtrünnige durchgesetzt. Bei heutigen Bildungskanones geht es nicht so gewalttätig zu, aber auch hier wird unterschieden, was und wer dazugehört.

ZEIT: Ab wann gab es denn einen Kanon für alle?

Tenorth: Der bildete sich erst im 18. bis 19. Jahrhundert aus, parallel zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Aber es gab schon immer einen Kanon der höheren Bildung für Schulen, die zur Universität führten. Nach und nach wurde daneben ein Kanon der Volksbildung formuliert. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden beide angeglichen, aber nicht gleich. Gymnasien etwa, die auf Abitur und Studium vorbereiten, haben schon in der Sekundarstufe I zwei Fremdsprachen.

ZEIT: Worin unterscheidet sich der Kanon der höheren Bildung vom Volksbildungskanon?

Tenorth: Der Ort, an dem jahrhundertelang die höhere Bildung vermittelt wurde, war das altsprachliche Gymnasium. Der Kanon war extrem sprachlich, vor allem altsprachlich orientiert. Das sächsische Elitegymnasium Schulpforta etwa, das später auch für andere zum Vorbild wurde, widmete mehr als die Hälfte der Stunden dem Lateinischen. Dazu kam fast noch einmal so viel Altgriechisch. Deutsch war kein eigenes Fach, weil die Schüler das ja ohnehin sprachen, es aber durch Latein kultiviert werden musste. Die Volksbildung hingegen konzentrierte sich auf die kulturellen Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen. Aber auch eine Art Weltkunde. Dafür war lange Zeit die Bibel das wichtigste Schulbuch. Mit ihr wurde das Volk alphabetisiert.

ZEIT: Heute gehören zur Gymnasialbildung Mathematik und die Naturwissenschaften dazu.

Tenorth: Ja. Beginnend mit dem 19. Jahrhundert kämpften verschiedene bürgerliche Schichten gegeneinander um die Inhalte des Kanons. Die Bildungsbürger, Juristen, Mediziner, Philologen, verteidigten das altsprachliche Gymnasium. Die Wirtschaftsbürger, also jene, die mit Handel und Gewerbe ihr Geld verdienten, wollten die neuen Sprachen, die Mathematik und die Naturwissenschaften etablieren. So entstanden neben klassischen Gymnasien Realgymnasien und Oberrealschulen mit neuen Fächern. Sie wurden 1900 als gleichwertig beim Hochschulzugang anerkannt. Seit den 1970er Jahren stand die gymnasiale Oberstufe für beliebige Fächer offen. Die traditionelle Sprachzentrierung wirkt aber noch nach, indem fürs Abitur das Beherrschen zweier Fremdsprachen erwartet wird.