Frage: Herr van Schaik, Sie haben die Bibel als "Tagebuch der Menschheit" gelesen. Wann führt der Mensch überhaupt Tagebuch?

Carel van Schaik: Wenn er verwirrt ist. Wenn er sich etwas nicht erklären kann. Wenn er Hilfe braucht.

Frage: Führen Sie selbst Tagebuch?

Van Schaik: Nein.

Frage: Normalerweise erforschen Sie Menschenaffen, jetzt haben Sie sich übergangslos dem Christentum zugewandt – wollen Sie uns damit etwas sagen?

Van Schaik: Das war Zufall. Wie so vieles in der Evolution. Am Anfang war eigentlich nur ein Satz. Ich habe vor einigen Jahren einmal in meinem Buch über Orang-Utans erwähnt, dass die Erfindung der Landwirtschaft eine Art Rauswurf aus dem Paradies war. In einem Interview, das mein späterer Koautor Kai Michel mit mir führte, kamen wir darauf zu sprechen, dass man das ja tatsächlich so aus der Genesis lesen kann. Zu unserer großen Überraschung war dazu aus anthropologischer Sicht bisher kaum etwas geschrieben worden. Da haben wir uns angeschaut und gesagt: Tja, jetzt müssen wir eben gemeinsam die Bibel lesen. Und dann kam die zweite Überraschung: Unsere Hypothese, dass das Sesshaftwerden in der Bibel aufgearbeitet wurde, passte gut. Fast schon unheimlich gut.

Frage: Lassen Sie uns kurz bei den Menschenaffen bleiben, die Sie seit über 40 Jahren erforschen. Was fasziniert Sie so an unseren Verwandten?

Van Schaik: Als Anthropologe möchte ich verstehen, was wir eigentlich sind und wie wir dazu wurden. Welche Kräfte haben zur Menschwerdung geführt? Das untersuche ich an Menschenaffen. Wir müssen aber auch den Kern des Menschen erkennen. Was ihn im Innersten ausmacht. Dieser Kern ist durch die unglaublichen Veränderungen der Neolithischen Revolution, als der Mensch sesshaft wurde, verschüttet worden. Die Lektüre der Bibel als Traumabewältigungs-Tagebuch hilft uns, ihn zu bergen.

Frage: Und, was ist der Mensch?

Van Schaik: Ein aufrecht gehender Affe.

Frage: Das klingt ernüchternd.

Van Schaik: Es kommt ja besser. Wir sind die Menschenaffenart, die angefangen hat, sich gegenseitig zu helfen. Nahrung zu teilen. Informationen zu teilen. Sprache zu entwickeln. Affeneltern lehren nicht aktiv, ihre Kinder schauen sich nur das Notwendige ab. Einzig wir Menschen geben Wissen aktiv weiter.

Frage: Und was ist unser Kern?

Van Schaik: Die Kooperation. Für die Jäger und Sammler ist sie überlebensnotwendig.

Frage: Doch dann wird der Mensch plötzlich sesshaft und alles wird anders?

Van Schaik: Genau, vor gut 12.000 Jahren. Das ist der Moment, in dem die kulturelle Evolution auf Höchstgeschwindigkeit schaltet ...

Frage: ... die uns zu Antibiotika und zur Raumfahrt geführt hat.

Van Schaik: Aber auch zum Patriarchat, zu Eigentum und sozialer Ungleichheit.

Frage: Ein beachtlicher Werdegang.

Als Anthropologe möchte ich verstehen, was wir eigentlich sind und wie wir dazu wurden. Welche Kräfte haben zur Menschwerdung geführt?

Van Schaik: Vollkommen irre. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Menschenaffen in ihrer Entwicklung eigentlich konservativ sind. Sie evolvieren so ein bisschen vor sich hin, sehen aber alle noch relativ ähnlich aus und verhalten sich auch so. Und dann kommt da dieser Zweig – wir –, und der biegt so radikal ab, dass man kaum noch an eine Verwandtschaft glauben kann. Die eigentliche Entwicklung Richtung Mensch fand ja erst in den vergangen zwei Millionen Jahren statt. Da ging es plötzlich ab – und das verschärft sich mit dem Sesshaftwerden noch um ein Vielfaches.

Frage: Um den Zustand vor dieser Entwicklung – dem "Sündenfall" der Sesshaftigkeit – besser zu verstehen, haben Sie insgesamt neun Jahre lang Orang-Utans in den Urwäldern Sumatras und Borneos beobachtet. Wie sah Ihr Alltag dort aus?

Van Schaik: Das Schwierigste war das Aufstehen in der Frühe. Wenn es um sechs Uhr hell wurde, mussten wir um fünf Uhr aufbrechen. Der Affe musste ja noch schlafen. Doch morgens war der Wald noch etwas fremd und feindselig. Da tappte man manchmal schläfrig mit der Stirnlampe durch den Sumpf und sah plötzlich frische Tigerspuren vor sich. Dann war man mit einem Schlag hellwach. Das war besser als Kaffee. Aber sobald wir am Nest waren, war das alles vergessen. Dann begann der Tag, wir lauschten der festen Reihenfolge, mit der sich die Tiere zu Wort meldeten, und waren die nächsten zwölf Stunden beschäftigt.