DIE ZEIT: Sehr viele Angestellte in den Industrieländern arbeiten nicht effizient, beklagen Sie in Ihrem neuen Buch. Überraschend für einen Linken!

David Graeber: Manche Angestellte arbeiten sogar gar nicht. Effizienz ist ein Mythos im Kapitalismus, den will ich widerlegen: Selbst die Stärken dieses Systems sind nicht so stark, wie wir dachten. Wobei es mir nicht in erster Linie um Effizienz geht. Sondern um die sinnlosen Jobs, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind.

ZEIT: Sie haben Berichte von Menschen gesammelt, die sagen: Ich werde für einen Job bezahlt, der völlig sinnlos ist. Ein "Bullshit-Job", wie Sie das nennen. Zum Beispiel?

Bekannt wurde der Ethnologe und Anarchist David Graeber 2011 mit dem Buch "Schulden: Die ersten 5000 Jahre". Er lehrt an der London School of Economics. Am 30. August erscheint bei Klett-Cotta "Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit" (464 S., 26 €). © Natan Dvir / Polaris / laif

Graeber: Eine Frau schrieb mir, dass sie sich in einem Altersheim um die Freizeitgestaltung kümmern sollte. In Wirklichkeit war sie den ganzen Tag damit beschäftigt, mit den Bewohnern sehr lange Fragebögen durchzugehen, um ihre Wünsche und Vorstellungen abzufragen. Und dann musste sie die Information nach einem komplizierten System weiterverarbeiten. Diese Evaluationsarbeit wurde von der Heimleitung als so zentral eingeschätzt, dass die Frau nicht mehr dazu kam, sich tatsächlich mit den Bewohnern und ihren Bedürfnissen zu beschäftigen.

ZEIT: Der Tag ist nicht lang genug, um mit der Arbeit zu beginnen?

Graeber: Man erledigt Papierkram statt der eigentlichen Arbeit. Viele sinnvolle Jobs werden von diesem Kästchenankreuzen unterwandert. Gerade streiken Krankenschwestern in Neuseeland für höhere Löhne, aber auch weil sie mehr als die Hälfte ihrer Zeit nur noch Formulare ausfüllen – vor lauter Evaluation gar keine Zeit mehr für ihre Arbeit haben.

ZEIT: Wo sind die Grenzen des Sinnlosen? Haben Sie und ich auch nur Bullshit-Jobs?

Graeber: Ich verlasse mich in meiner Definition vor allem auf die Selbstwahrnehmung der Menschen. Und ich halte meinen Job nicht für sinnlos. Immerhin habe ich ein Buch geschrieben, das Leute interessant finden und lesen wollen. Und Sie sind Journalist, Menschen wachen morgens auf und lesen Ihre Texte. Mir geht es nicht darum, für andere zu entscheiden: Dein Job ist sinnlos! Aber wenn ein großer Teil der werktätigen Bevölkerung davon überzeugt ist, dass seine Arbeit niemandem nutzt – dann glaube ich das erst einmal.

ZEIT: Wer ist davon betroffen?

Graeber: Tatsächlich finden viele, die im Verkauf oder im Service arbeiten, ihren Job anstrengend, aber nur wenige zweifeln seine Daseinsberechtigung an. Anders bei Angestellten, die in Büros Berichte anfertigen sollen, die nie jemand lesen wird. Oder die schlicht gar nichts zu tun haben.

ZEIT: Gibt es Studien dazu, wie viele Menschen so empfinden?

Graeber: In einer britischen Studie gaben 37 Prozent der Befragten an, mit ihrer Arbeit leisteten sie keinen sinnvollen Beitrag. Die Zahl dürfte tatsächlich aber noch höher sein. Wenn man beispielsweise jene dazuzählt, die mit echter Arbeit einen Bullshit-Job unterstützen: Wachmänner, Reinigungskräfte, alle, die denen hinterherräumen, die nichts Sinnvolles bewerkstelligen.

ZEIT: Hat sich das Problem der Bullshit-Jobs nicht bald erledigt, weil die Automatisierung den Menschen immer mehr Arbeit abnimmt?

Graeber: Nein, ganz im Gegenteil. Seit mindestens hundert Jahren reden wir darüber, dass Roboter uns die Arbeit wegnehmen. Aber die Massenarbeitslosigkeit kam nie. Blieb die große Automatisierung bisher aus? Die Grundidee meines Buches ist: Nein, sie hat längst stattgefunden! Wenn wir die Arbeit betrachten, die in den Dreißigerjahren verrichtet wurde, dann ist davon die meiste verschwunden – oder in andere Länder abgewandert. Als Gesellschaft hat uns das vor die Frage gestellt: Sollen wir die Zahl der Wochenarbeitsstunden massiv reduzieren? Das wäre die beste Lösung gewesen. Wir haben uns für eine andere entschieden: Jemand hat sich sinnlose Berufe ausgedacht, um uns weiterzubeschäftigen. Jetzt sitzen viele von uns in Büros herum, sie basteln Katzen-Meme und sind unglücklich, weil sie sich nicht mehr als selbstwirksam erleben. Was natürlich die dümmstmögliche Antwort auf das Problem war.