Das Genre des dystopischen Romans hat momentan Hochkonjunktur. Man denke an Alexander Schimmelbuschs Hochdeutschland, Michel Houellebecqs Unterwerfung oder Dave Eggers’ The Circle. All diese Werke folgen einem Trend, der sich im Herbstprogramm der deutschen Verlage weiter fortsetzt: Sie spekulieren über einen politischen oder technologischen Verfall, der nur eine Haaresbreite von uns entfernt ist. Zugleich hat das Genre ein ernstes Problem, vor dem auch dieser Roman nicht gefeit ist: Wenn die Realität, in der wir leben, sich bereits wie eine Ausgeburt der kühnsten Schriftsteller-Fantasie anfühlt, droht die Fiktion zum müden Abklatsch der Wirklichkeit zu werden.

Julia von Lucadous Debütroman Die Hochhausspringerin erzählt von einer Welt, in der Städte zu privilegierten Lebensräumen von durchgetakteten Effizienzmenschen geworden sind, die tolle Jobs haben, Yoga, Glückstraining und Meditation betreiben und in ihren schicken Penthouse-Wohnungen ohne materielle Sorgen in Sicherheit und Luxus leben. Der Preis dafür ist hoch: Sie werden überwacht, ihr Sozialverhalten wird über Bonussysteme bewertet, sie haben kaum Freizeit, dürfen keine Kinder haben, sie leben vereinsamt, ohne echtes Glück und in panischer Angst, in ihrem Status zurückzufallen und in die unbewachten, chaotischen Außenbezirke der Stadt abgeschoben zu werden – in jene schmutzigen, stinkenden, aber menschlich warmen Lebensräume, in denen es noch Freiheit und die archaische Lebensform der Familie gibt.

Die Protagonistin des Romans heißt Riva. Sie ist eine Sportlerin, die von Millionen von Fans für eine ungewöhnliche Fähigkeit bewundert wird: Sie springt in einem maßgeschneiderten Fluganzug von Tausende Meter hohen Hochhäusern herunter, um kurz vor dem Aufprall den Flugmodus ihres Anzugs zu betätigen und auf diese Weise haarscharf dem Tod zu entrinnen. Es ist eine Performance des Risikos, eine Version des Gladiatorenkampfs, die die gestressten Großstädter unterhalten soll. "Je näher man dem Tod kommt, desto lebendiger wird man", heißt es an einer Stelle.

Riva hat es geschafft. Sie darf ein privilegiertes Leben in der Stadt führen. Doch auch sie wird überwacht und muss immer und überall funktionieren. Als sie, des Erfolgs überdrüssig, unplanmäßig eine depressive Verstimmung entwickelt, alles hinschmeißt und sich nach dem Leben in den Außenbezirken sehnt, ist ihr Arbeitgeber, das wachende und strafende "Institut", sofort zur Stelle, um sie eines Besseren zu belehren. Die Organisation stellt eine Psychologin ein, die Riva zurück auf den Pfad der Effizienz führen und wieder zum Springen verleiten soll.

Diese Psychologin heißt Hitomi, sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Auch sie bezahlt ihr schönes Innenstadtleben mit fortwährendem Leistungsdruck. Das "Institut" koppelt ihr weiteres Fortkommen an das Schicksal von Riva. Wenn Riva wieder springt, muss Hitomi keine Konsequenzen fürchten. Springt Riva nicht, drohen der Psychologin Prestigeverlust und harsche Einschnitte in der Lebensqualität. Um das Ziel zu erreichen, darf die Seelenärztin jeden Trick anwenden: Sie darf mit einer versteckten Kamera in das Privatleben der Patientin zoomen, Therapiesitzungen verschreiben oder das Sozialleben der widerspenstigen Hochhausspringerin völlig neu organisieren – etwa durch das Engagement eines Freundes, der die Kranke vom Sinn ihres Hochhausspringer-Jobs überzeugen soll.

Julia von Lucadou, 1982 geboren und promovierte Filmwissenschaftlerin, schildert in ihrem klug konzipierten Roman, wie das Leben der beiden ungleichen Personen aus den Fugen gerät; wie sie sich gegenseitig mit der Sehnsucht nach einem einfachen Leben anstecken und damit die Logik des Perfekten infrage stellen. Die Sprache ist hochpoetisch und sensibel, die Sätze sind kunstvoll strukturiert. Schnell stellt sich eine klinische Kälte ein, die erdrückend wirkt und die Emotionslosigkeit der Romanwelt spiegelt. Das ist erschreckend und wunderbar zu lesen.

Dennoch ist diese Dystopie nicht wirklich überraschend, denn der Roman rückt mit seiner Warnung vor einer hoch technisierten Moderne zu nah an die Realität heran. Tracking-Apps gibt es schon heute, der Yoga-Wahn hat längst bizarre Züge angenommen. In China wurde ein soziales Kreditsystem eingeführt, das der Vorläufer sein könnte für die Kontrollmechanismen im Roman. Auch die medizinische Versorgung von Mitarbeitern großer Konzerne wie Google zeigt, dass Unternehmen durch Psychotherapiesitzungen und Coaching nicht unbedingt heilen, sondern die Effizienz ihrer Angestellten – in Wahrheit die eigene Produktivität – steigern wollen. Vielleicht müsste also nicht die Dystopie das Genre der Stunde sein, sondern die eiskalte Gegenwartsanalyse. Sie würde ähnlich mahnend wirken. Und noch tiefgreifender verstören.

Julia von Lucadou: "Die Hochhausspringerin". Roman; Hanser Berlin, München 2018; 288 S., 19,– €, als E-Book 14,99 €