Preisfrage aus der Wirtschaftsgeschichte: Wie wurde aus dem Ausbeuter-Kapitalismus vor 200 Jahren eine Wohlstandsgesellschaft? Viele Kräfte waren am Werk, aber ein Umstand ragt heraus: Als der Arbeiter auf sich gestellt war, lag die Macht fast ganz bei den Unternehmen und ihren Eigentümern. Sie zahlten Hungerlöhne in ihren Fabriken, verlangten dafür sechs oder gar sieben Tage Arbeit in der Woche – ohne soziale Absicherung. Und der einzelne Arbeiter, der sich und zumeist eine Familie zu ernähren hatte, konnte nichts dagegen tun.

Das änderte sich, als die Arbeiter sich zusammenschlossen, in einzelnen Fabriken und mehr noch in nationalen und später auch internationalen Bewegungen. Aufstände gegen die "Despotie der Fabrik" gab es zunächst dort, wo die Industrialisierung begann, in Großbritannien. Doch mit dieser neuen Form von Arbeit und Leben verbreitete sich der Arbeitskampf. In Deutschland bildeten sich Arbeitervereine, die ihn auch politisch ausfochten. Gewerkschaften entstanden, und die Bedingungen wurden weit oberhalb der Ebene des einzelnen Arbeiters ausgehandelt.

Natürlich sahen einige Unternehmer von selbst ein: Unter besseren Bedingungen arbeiten auch die Arbeiter besser, und wenn sie mehr Geld bekommen, kaufen sie auch mehr. Im 19. Jahrhundert ließ der britische Schokoladenfabrikant George Cadbury in Birmingham moderne Wohnhäuser im Grünen für seine Arbeiter bauen, richtete die Fünfeinhalbtagewoche ohne Kinderarbeit sowie demokratisch gewählte Betriebsräte ein. Anfang des 20. Jahrhunderts führte Henry Ford in seinem Autowerk in Michigan den Achtstundentag ein, verdoppelte den Mindestlohn und bot seinen Arbeitern eine Gewinnbeteiligung an. Doch diese Unternehmer waren eine visionäre Minderheit, mehr nicht.

Ohne Arbeiterbewegung wäre der Wandel nicht gekommen. Und jetzt, so eine neue These, ähneln die Umstände wieder jenen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nur finden Ausbeutung und Entfremdung nicht etwa in Fabriken statt, sondern im Internet, in dem es angeblich alles umsonst gibt. Es geht nicht um den Einsatz der Menschen als klassische Arbeiter und Angestellte, sondern um ihre persönlichen Daten, diesen wachsenden Schatz, mit dem Digitalkonzerne ihre allzeit lernenden Algorithmen füttern und Werbung maßschneidern. Früher entschied sich das ökonomische Schicksal an der Arbeitskraft, heute auch an der Datenkraft der Menschen.

Die aktuelle Debatte kreist um eine einfache Frage: Wie werden die Internetnutzer zu souveränen Digitalbürgern, die ihre wertvollen persönlichen Daten kontrollieren und am Markt erfolgreich verwerten können? Andreas Weigend, früher oberster Forscher bei Amazon, fordert, dass die einzelnen Nutzer sich kundig machen und dann ihre Rechte gegenüber den großen Silicon-Valley-Firmen erstreiten. Der Chef der Londoner Reformstiftung Nesta, Geoff Mulgan, denkt eher an eine Genossenschaft im Netz, über die Nutzer ihre Daten verwalten können. Dagegen will der Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger, dass Google, Facebook oder Amazon ihre Datentresore öffnen, damit andere diese Schätze ebenfalls nutzen können. Er sieht darin eine Form der von Angela Merkel angestoßenen Datensteuer, aber eben nicht in Form von Geld, sondern in Form von Informationen. Allgemein verfügbar, würden sie neuen Firmen im Wettbewerb das Leben erleichtern.

Reicht alles nicht, sagt jetzt eine Gruppe von Ökonomen und Technikexperten – weil das Machtgefüge auf den Digitalmärkten verzerrt ist. Auf der einen Seite die wertvollsten Konzerne der Welt mit ihren gigantischen Datensätzen, auf der anderen Seite die einzelnen Nutzer: Wie soll da bitte eine Balance entstehen?

Da liegt der Vergleich zur industriellen Revolution nahe. Daten, sagt diese Gruppe, sind nicht das neue Öl, also kein Rohstoff, sie sind auch kein Kapital. Vielmehr seien sie der Arbeit wesensähnlich, ein Ergebnis dessen, was die Menschen sind und tun. Also können sie auch deren Qualität und Wert steigern. Und vor allem können sie eine neue Art der Arbeiterbewegung starten, um sich ihren Anteil am Wohlstand durch Daten zu sichern. Es ist nichts anderes als ein Aufruf zum Aufstand der Menschen, die einen gerechten Anteil an der Wertschöpfung beanspruchen.

Keiner argumentiert das so vehement wie Glen Weyl, 33, Jungökonom, ausgebildet in Princeton, heute Dozent an der Yale University und im Hauptberuf Forscher bei Microsoft. Mit anderen schrieb er ein viel beachtetes Papier namens "Sollten wir Daten wie Arbeit behandeln?" Der Text antwortet deutlich mit Ja. Zusammen mit dem Chicago-Juristen Eric Posner führt Weyl die Position im Buch Radical Markets weiter aus.

Höchste Zeit also, mit dem Marktrevoluzzer zu sprechen, dessen jüdische Vorfahren einst aus Deutschland flohen. Seit einem Jahr hat er neben der amerikanischen die deutsche Staatsbürgerschaft und trifft viele Politiker in Berlin. Daten = Arbeit, mit dieser Analogie will er in Deutschland ein Verständnis für die Machtverhältnisse schaffen. Weyl sagt: "Wir geben unsere Arbeit nur für einen bestimmten Zeitraum ab, und wir verkaufen nicht unsere ganzen Körper. Entsprechend sollten wir vielleicht einige Verwertungen unserer Daten auf Zeit anbieten – aber nicht die Daten selbst für immer und zu jeder Verwendung." Das gelte es durchzusetzen, ähnlich wie es früher die Arbeiterbewegung tat. So wie sie Leibeigene befreit, höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen erkämpft habe, gehe es um einen höheren Datenpreis und gleichzeitig um mehr Datenschutz.