Hanna Jacobs, 30, ist evangelische Theologin zwischen Vikariat und Pfarramt. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Letztes Jahr im Herbst begannen Frauen auf der ganzen Welt unter #MeToo von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Missbrauch zu sprechen. Endlich wurden ihre Geschichten gehört. Letztes Jahr schrieb ich an dieser Stelle, dass ich in der Kirche – Gott sei Dank – keine sexuellen Übergriffe erlebt habe. Nach Gesprächen und Leserbriefen würde ich das heute anders formulieren.

Seit einigen Wochen gibt es einen neuen Hashtag, der gleich klingt: Unter #MeTwo berichten Menschen von ihren Rassismuserfahrungen im Alltag. Sie schreiben von der zermürbenden Wohnungssuche mit türkischem Nachnamen und von Lehrern, die dunkelhäutige Kinder als Affen bezeichneten. Als ich überlegte, wen ich nach #MeTwo-Erfahrungen in der Kirche fragen könnte, fiel mir auf, dass die evangelische Kirche verglichen mit Schulen und Sportvereinen ein sehr weißer Ort ist. Die Menschen haben meistens sehr deutsche Nachnamen.

Das lässt sich historisch leicht erklären, man braucht gar nicht mal bei der Reformation anfangen. Als Arbeiter aus Italien, Griechenland und der Türkei kamen, um in der deutschen Wirtschaft Wunder zu bewirken, kamen Katholiken, Orthodoxe und Muslime. Vielfalt zog ins Land und erreichte die evangelischen Landeskirchen doch nicht. Das merke ich heute. Vereinzelt begegneten mir in den letzten Jahren eine persische Konvertitin oder der Konfirmand mit der thailändischen Mutter.

Sie waren in ihrem kirchlichen Umfeld stets die Einzigen, die noch in einer weiteren Kultur zu Hause waren als der, wo man zu Gemeindefesten Kartoffelsalat mitbringt. Wie auch der südafrikanische Gastvikar in meinem Kurs. "Sie als Afrikaner haben das doch im Blut", sagte der Dozent aufmunternd, als er uns ein neues Kirchenlied im Samba-Rhythmus beibrachte. Es gibt in der Kirche inzwischen Missbrauchsprävention, Anti-Rassismus-Training gibt es nicht. Vor allem aber gibt es wenig Berührungspunkte zwischen der chinesischen oder eritreischen Gemeinde, die sich zwar in denselben Räumlichkeiten trifft wie ihre deutschen Brüder und Schwestern, aber meist am Nachmittag. Nacheinander statt miteinander. Was entgeht uns da an Vielfalt, und wie viel könnten wir voneinander und miteinander lernen!

Und dann sind da noch die Russlanddeutschen. Die Großmütter mit den Kopftüchern, die jeden Sonntag zum Gottesdienst kommen. In Russland waren sie die Deutschen, und hier sind sie die Russen. Dort haben sie über Jahrhunderte ihre protestantische Identität bewahrt und der Verfolgung getrotzt. Hier sind sie in Kirchenvorstand oder Synode kaum repräsentiert. Es bleibt die Frage, wie ich Kirche wohl als Kind von Migranten erlebt hätte. Welche Erfahrungen würde ich machen, wäre ich nicht blond und blasshäutig? Ich freue mich auf Leserbriefe, inzwischen weiß ich, wie wichtig es ist, aus den Erfahrungen anderer zu lernen.