Eine Überraschung vorab: Wenn es ein universelles Faible für eine Farbe gibt, dann ist es Blau. Blau wie das Meer, wie der Himmel, wie die Kornblumen. Männer und Frauen bevorzugen diese Farbe gleichermaßen. Und was, mögen sich jetzt alle aufgeklärten und erst recht die genderneutral erziehenden Eltern fragen, was ist mit Pink? Mit diesem halb garen Rot der T-Shirts, Rucksäcke und Schühchen? Das so viele Mädchen gegen jeden elterlichen Widerstand wie magisch angezogen in die pinken Ecken der Spielwarenläden zieht, sodass man an ein "Pink Princess"-Gen glauben möchte? Ist Rosa etwa kein universelles Phänomen?

Es ist erstaunlich, wie ausgiebig sich Homo sapiens seit Äonen mit Licht unterschiedlicher Wellenlänge auseinandersetzt: Demokrit hat es getan, Descartes, Kant, Galilei, Newton. "Gegen die Reize der Farben, welche über die ganze sichtbare Natur ausgebreitet sind, werden nur wenig Menschen unempfindlich bleiben", schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1791. Früher räsonierten die Gelehrten über das Wesen der Farben in oft blumigen Analogien. Heute zerlegen Physiker und Sinnesphysiologen Wellenlängen und Rezeptoren im Auge. Vergleicht man die Diskurse, versammelt die Argumente, so vollzieht sich im Nachdenken über die Farbe Erhabenes: Das Subjektive tritt gegen die Anmaßungen des Faktischen an – im kulturellen Kontext. Beispielhaft zu zeigen an der Pink-Diskussion.

Beginnen wir mit der Spurensuche in der Vorgeschichte. Evolutionsforscher und Psychologen unterziehen jede menschliche Verhaltensweise der Frage: Wie bringt oder brachte sie Menschen weiter? Demnach entwickeln sich auch Farbpräferenzen nicht aus dem Nichts, sondern etwa auf der Grundlage von Emotionen, die farbige Objekte in einer Umgebung auslösen. Die Farben, das besagt die Ecological Valence Theory der amerikanischen Psychologen Karen Schloss und Stephen Palmer, besitzen eine "ökologische Wertigkeit".

Vor Urzeiten stand Rot nach dieser Theorie vor allem für wertvolle und leckere Früchte – zwischen mäßig begehrtem grünem Beigemüse. "Je roter unverarbeitete Nahrung ist, desto wahrscheinlicher ist sie nahrhaft, während Grünzeug meist weniger Kalorien hat", erklärt Francesco Foroni, Neurowissenschaftler von der italienischen International School for Advanced Studies in Triest. Auf diese Erkenntnis scheinen wir intuitiv zuzugreifen. In Versuchen jedenfalls schätzten Probanden rötere Lebensmittel als kalorienreicher ein. Ein Nebenbefund war schwerer zu deuten: Frauen konnten Rottöne messbar besser vor dunklem Hintergrund unterscheiden. Die Erklärung tangiert allerdings den Bereich der Paläopoesie: Frauen hätten neben Blau ein Faible für Rot, weil sie urgeschichtlich die Sammlerinnen gewesen seien – und Rot auf der steinzeitlichen Lebensmittelampel, wie gesagt, Kalorien verheißen hätte.

Frauen sollen also evolutionär bedingt Farbspezialisten mit einem Hang zu Rottönen sein. Dazu scheinen die Studien von Israel Abramov zu passen. Der Biophysiker und Psychologe untersucht seit 50 Jahren den Sehapparat des Menschen. Er entdeckte, dass Männer offenbar besonders gut feine Details und schnelle Bewegungen erkennen können (gut für die Jagd). Frauen haben dafür eine ausgeprägtere Wahrnehmung von Rottönen. Das feinere Sensorium ermöglicht vielen Frauen, mehr Farben zu benennen, und manchen, sogar sehr viel mehr Nuancen zu sehen.

Drei verschiedene Lichtsinneszellen ermöglichen das trichromatische Farbensehen. Diese Zapfen registrieren Licht in drei Qualitäten (Farbton, Sättigung, Helligkeit). Dadurch ergeben sich mehrere Millionen Unterscheidungsmöglichkeiten. Nun haben manche Frauen sogar vier unterschiedliche Zapfentypen. Ein solcher "Tetrachromat" ist die australische Malerin Concetta Antico, die 100-mal mehr Farben als andere unterscheiden kann. Aus ihrer Sicht auf die Welt bringt sie Landschaften auf die Leinwand, die Ahnungslose an einen LSD-Trip denken lassen.

Zwar verfügen nur schätzungsweise zehn Prozent aller Frauen über eine solche, im Auge angelegte Farbbegabung. Trotzdem sprechen viele Frauen elaborierter über die bunte Welt als Männer. Ein Mann sagt schlicht Blau, wo eine Frau zwischen Veilchen-, Marine-, Stahl-, Schiefer-, Tauben- und Himmelblau unterscheidet. Seit 2003 geistert vom ansonsten unbekannten Autor Joe Hallock das Ergebnis einer internationalen linguistischen Befragung durchs Internet: Wo Männer üblicherweise nur sieben Farben im sichtbaren Lichtspektrum benennen, Rot, Violett, Pink, Orange, Gelb, Grün und Blau, ziehen englischsprachige Frauen mindestens 29 Farbregister von maraschino, einer Art Rot, über honeydew, ein Grünlichgelb, bis turquoise, grün-bläulich. Loriot präsentierte 1981 in seinem Sketch über den "zweisitzigen Kompaktschutzraum" K2000 eine entsprechende deutsche Nuancierung, die nur Männern komisch vorkommt: "Gegen Aufpreis lieferbar in Russischgrün, Schilf, Eierschale und Mauve."

Physiologisch löst ein Lichtquant auf einem Lichtrezeptor ein eindeutiges elektrisches Signal aus – doch im Gehirn trifft dieses auf einen individuellen Wust aus Erfahrungen, erlerntem Verhalten und Emotionen. Wie beim Schmerz und beim Hören sind auch beim Sehen objektivierbarer Sinnesreiz und subjektive Wahrnehmung zwei grundverschiedene Angelegenheiten. "Die 'Farben der Frauen' sind komplex, abwechslungsreich, abstrakter und expressiv", schrieb ein Wissenschaftler, "während die 'Farben der Männer' einfach, gerade heraus, konventionell und praktisch sind."

Wenn Frauen früher Rot sahen, hatte das einen evolutionären Vorteil. © [M] Cristopher Civitillo/plainpicture

Wenn die Theorie der Psychologin Karen Schloss über die ökologische Wertigkeit von Farben stimmt, müsste die Prägung einen entscheidenden Einfluss auf die Präferenzen haben. Bis zu einem Alter von zwei bis drei Jahren lieben Jungen und Mädchen die einfachen, bunten Primärfarben. Rot und Blau sind bei den Kleinen begehrt, Pink und Orange nicht so sehr. Werden die Kinder sich aber ihres Geschlechts bewusst und sondieren das Umfeld auf geschlechtsspezifische Informationen, ändern sich ihre Vorlieben. Zwar mögen beide Gruppen immer noch Blau, aber viele Mädchen finden nun auch Pink als mädchenhafte Farbe entzückend – während Jungs die Farbe plötzlich grottig finden. Während Pink vor Urzeiten geschlechtsübergreifend für Nahrung stand, geriet es offenbar irgendwann zum identitätsstiftenden Merkmal.