Jammert nicht!

Zehn Jahre habe ich als evangelischer Pfarrer in einem Land gelebt, das als das christlichste in Europa gilt, in Italien. Seit ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, frage ich mich, was die Deutschen für ein Problem mit Flüchtlingen haben.

In Rom sah man im Straßenbild fast keine Migranten, sie waren an den Rand der Stadt gedrängt. In Hamburg dagegen treffe ich Menschen aller Hautfarben und Sprachen, ein buntes Gemisch von Nationalitäten scheint in großer Selbstverständlichkeit miteinander zu leben. Überall fällt auf, wie gut es dem Land geht. Nahezu Vollbeschäftigung! Chancen für die Jugend! Wirtschaftliches Potenzial! Davon kann Italien nur träumen. Italien, das Transitland, wo so viele Flüchtlinge ankamen und so wenige blieben. Italien mit vierzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Italien mit seiner Gastfreundlichkeit einerseits, seiner Fremdenfeindlichkeit andererseits, wo ich auf Sizilien die nettesten Flüchtlingshelfer kennenlernte und wo nun Salvini regiert. Wie viel glücklicher Deutschland! Trotzdem jammern die Deutschen, fürchten "Überfremdung" oder schimpfen einander unchristlich.

War Merkels Politik ein Beweis herausragender Christlichkeit? Ist Seehofers Politik ein Beweis von Unchristlichkeit? Nein, der Glaube eignet sich nicht als Kriterium, einander zu beurteilen. Mir hat immer gefallen, was Papst Franziskus sagt: Christlich handeln heißt, die Not der Menschen zu lindern. Will Europa ein christlicher Kontinent sein, muss es sich einüben in die Haltung Jesu, der seinen Jüngern die Füße wäscht.

Stattdessen wird durch abstrakte Flüchtlingszahlen Angst erzeugt. Doch wer einem Flüchtling in die Augen schaut, vergisst alle Zahlen. Er sieht des anderen Leid und sieht zugleich einen Menschen, wie er selber einer ist. So erging es mir in Rom, wo die Flüchtlingsdebatte nicht 2015 begann, sondern 2008, als Resteuropa die Italiener mit der ersten Flüchtlingswelle allein ließ. Der Staat funktionierte mal wieder nicht so toll. Also half auch unsere deutsche Gemeinde in Rom, die sich bis dahin vor allem für Obdachlose engagiert hatte.

Unsere Christuskirche liegt in einem der nobelsten Stadtbezirke Roms, nun luden wir Frauen aus Afrika mit ihren Kindern ein: Sie kamen aus weit entfernten Vororten nur für ein Paket Windeln, für Kinderkleidung und Spielzeug. Das Projekt hieß Orsacchiotto, Teddybär, und wurde von einigen Gemeindemitgliedern gegen viel Skepsis durchgesetzt. Inzwischen kommen regelmäßig 120 Afrikanerinnen mit ihren Kindern in eine Gemeinde von 500 Mitgliedern, und niemand ist überfordert. Man erzählt einander seine Schicksale. Man spürt, wie wahr und lebendig das alte Bibelwort ist: dass wir alle Kinder Gottes sind.

Was ist christliche Politik? Sagen wir so: Ich kritisiere Seehofer auch aufgrund meines Glaubens. Aber ich urteile nicht über seinen Glauben. Wie die Bergpredigt lehrt: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!

Noch ein Wort zu der Sorge, dass Flüchtlinge uns ausnutzen. In der Christuskirche hatten wir einige Afrikanerinnen, die die Kleider wechselten und sich neu anstellten. Meine Ehrenamtlichen waren empört, aber ich habe sie beruhigt: Uns schadet das nicht, wir haben genug. Und wie groß muss die Not sein, dass jemand so trickst? Geben ist rein, lehrt Jesus, also kontrolliere nicht, was mit deiner Gabe geschieht. Lass deine Linke nicht wissen, was die Rechte tut.

Jens-Martin Kruse