Richtet nicht!

Wow, in Deutschland wird das Christentum immer mächtiger, weil wichtigster Bezugspunkt im öffentlichen Ethikdiskurs. Inzwischen hört man nicht nur: "Dieses Handeln ist unchristlich!" Sondern mit ausgestrecktem Finger: "Jener Politiker ist unchristlich!" Die ganze Person ist gemeint. In früheren Zeiten, in nicht so wunderbar aufgeklärten wie den unseren, hieß das: "Der Ketzer gehört verbrannt." Oder: "Kommt in die Hölle."

Mich stört zunehmend die von Arroganz strotzende Selbstverständlichkeit solcher Verdikte. Natürlich sollen sich Christen – entgegen anderslautenden Warnungen, doch nur um ihr persönliches Seelenheil besorgt zu sein – politisch engagieren! Deutlich intensiver und konkreter, deutlich häufiger und zahlreicher zu unterschiedlichsten Themen: von Flüchtlingen über G8 bis zum Pflegenotstand. Christen dürfen christlich reden, auch in der Politik. Motiviert von ihrer religiösen Grundüberzeugung, inhaltlich geleitet von biblischen Vorgaben, selbstbewusst.

Dabei werden Christen selbstverständlich nicht immer zu den gleichen Einsichten kommen. Politische Entscheidungen, zumindest in einer funktionierenden Demokratie, sind Abwägungsentscheidungen; weniges ist "alternativlos", der modische Begriff kaschiert nur, dass man die eigene Entscheidung der Diskussion entziehen will. Auch viele Christen wollen über Flüchtlinge gar nicht mehr diskutieren, sondern einfach nur recht behalten.

Also ärgere ich mich gleich dreimal, wenn ich jetzt mitgeteilt bekomme, wer alles "kein Christ" ist.

Erstens, weil damit ein Mensch öffentlich abgeurteilt wird und man sich anmaßt, in dessen Inneres zu blicken und seinen Glauben oder Unglauben zu konstatieren. Man spielt, theologisch formuliert, Gottes Gericht am Jüngsten Tag.

Zweitens ärgere ich mich, weil die Position dessen, der weiß, was "christlich" ist und danach zu handeln behauptet, absolut gesetzt wird.

© Enno Kapitza für DIE ZEIT

Drittens ärgere ich mich, weil solche Arroganz die Demokratie zerstört. Wo es nur Schwarz oder Weiß gibt, wird jede Diskussion überflüssig. Soziologen stellen inzwischen fest, dass in unserer Gesellschaft die sogenannte Ambiguitätstoleranz deutlich zurückgeht, die Fähigkeit nämlich, andere Überzeugungen, sogar widersprüchliche Begründungen auszuhalten und damit die eigenen Positionen als relativ zu erleben.

Die neuen theologischen Politfundamentalisten wissen genau, wer ein Christ ist und wer nicht. Dagegen musste die Kirche in der Vergangenheit mühsam lernen, dass solches zu erkennen ziemlich schwierig werden kann.

Manchmal in einer ruhigen Stunde kommt mir aus der berühmten Bergpredigt des Matthäusevangeliums jener sehr gefährliche Satz in den Sinn: "Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein."

Jesus geht da ja ziemlich deutlich zur Sache. Dass einer ein Narr sei oder ein Dummkopf, das waren aber noch zahme Vorwürfe, verglichen mit jenem anderen: "Du bist kein Christ."

Florian Schuller