Am französischen Nationalfeiertag schippert die Liberté von Compiègne die Oise aufwärts. "Voilà, la Liberté!", ruft der Steuermann des Achters, der ihr im flotten Takt von sechzehn Rudern entgegengeflitzt kommt. "Fraternité!" Er winkt. "Égalité!", kräht eine Frauenstimme von Bord zurück. Und vorbei. Die Liberté ist ein deutsches Schiff; ihr Kapitän nennt sie auch "Liberte", was weniger nach französischer Freiheit klingt als nach der tüchtigen eisernen Berte, die seit achtzig Jahren die Wasserstraßen pflügt. Doch gerade heute, da überall blau-weiß-rote Fahnen wehen, sprechen wir an Bord mit schmetterndem accent aigu.

Eigentlich sollte das Schiff weiter flussabwärts fahren, aber gerade heute sind auch die Schleusen geschlossen, was Kapitän Thomas Magner, nun ja, vergessen hat, und jetzt liegt die Liberté in Compiègne fest. Um anschwellendes Gegrummel unter den elf Passagieren zu zerstreuen, hat er das Schiff gewendet, und wir machen einen Ausflug auf dem schleusenfreien Teil der Oise. Ruderer sind unterwegs, Angler sitzen auf ihren Pontons am Ufer, drei Mädchen baden im Fluss. Sabrina kommt mit Gläsern und einer Flasche Sekt aus der Bordküche. Abends dann eine Blaskapelle mit Reitern. Das kaiserliche Palais ist angestrahlt. Auf der Rathaustreppe spricht der Bürgermeister über den Ersten Weltkrieg, der vor hundert Jahren in Compiègne endete, und davon, dass wir uns nun als Europäer begegnen: liberté, égalité, fraternité. Applaus.

Es ist der fünfte Tag der Reise von Reims nach Paris. Der TGV braucht für die Strecke 45 Minuten. Das Schiff hat gerade mal drei Viertel seines Wegs zurückgelegt. Mit halber Kraft – sechs Stundenkilometer – kreuzt es von Reims nach Nordwesten über die Aisne (die wir inzwischen korrekt als eine stöhnende Silbe aussprechen) und ihre Seitenkanäle zur Oise, um am siebten Tag auf die Seine abzubiegen. Große Verlockung: die Liberté ist eins der wenigen kleinen Kreuzfahrtschiffe, mit denen man festlich in Paris einlaufen kann. Weil sie unter die vielen Brücken passt.

Der Canal de l’Aisne à la Marne, der aus Reims herausführt, wurde vor über hundert Jahren als Teil eines Netzwerks von Wasserstraßen für den Schwerlastverkehr gebaut. Heute sind mehr Freizeitboote als Frachter dort unterwegs. Am ersten Tag, als die Liberté durch den Industriehafen von Reims summt, ist das Wasser bemerkenswert still. Zwischen Fabriken und hohen Getreidesilos spitzt kurz die Kathedrale heraus, dann sind wir schon fast auf dem Land. 500 PS schieben das Schiff voran. Die Buchfinken schlagen. Ein knatterndes Moped am Ufer weckt bereits leise Entrüstung. Dann die erste Schleuse. Das Wärterhäuschen mit dem steilen Giebel ist verlassen, die Tür zugemauert, der Garten verwildert. Ein Rest Gardine hängt noch. Und ein roter Rettungsring am Geländer. Wie ins Bett schlüpft die Liberté in die enge Kammer der Schleuse. Nur eine Handbreit trennt ihre Bordwände von den Mauern, zwischen denen wir hinabsinken. Wie insgesamt 25 Mal auf unserer Reise.

Bei Schleuse Nummer 6 geht ein Grüppchen von uns an Land, um sich die Füße zu vertreten. Tausend Schritte den Treidelpfad entlang liegt schon Nummer 7. Blick zurück: Da kommt unser Schiffchen, weiß und rot, ein stolzer kleiner Kreuzfahrer. Seinem Bug und Heck sieht man noch den Lastkahn an, als der die Liberté 1935 vom Stapel lief. Seit 1986 transportiert sie Gäste. 2004 wurde sie verlängert und aufgestockt, was mehr Komfort, aber auch ein etwas zwittriges Erscheinungsbild zur Folge hatte.

Die meisten Passagiere auf dieser Reise halten dem Schiff schon lang die Treue und sind darüber etwas älter geworden. Manche übernehmen Aufgaben an Bord wie das Anheben der blauen Eisenstange in der Schleusenkammer; das Signal zum Schließen der Tore. Dafür ist Steffen zuständig. Seine Frau Conny, eine Reise-Bloggerin, sitzt meist im Salon und pflegt die virtuellen Kontakte. Klaus und Karin aus München, hinter ihren Rücken auch K. u. K. genannt, fahren zum dreiundzwanzigsten Mal mit. Ihre Korbstühle stehen vorn an der Reling, denn als Technikfreak will Klaus keine Schleuse verpassen. Karin kümmert dieser Kram nicht. An seiner Seite liest sie sich durch die Bordbibliothek. Heute: So lachte man in der DDR. Nicht so laut.

Auch an Bord herrscht das eher Unterschwellige. Da wir, wie Kapitän Magner bei der Einschiffung vorsorglich bemerkte, "alle nette Leute" sind, gleichwohl mit ausgeprägten Eigenheiten, eine Flussreise aber vorwiegend auf begrenztem Raum stattfindet, fängt es bald leise an zu prickeln; Konfliktbläschen, die platzen oder klüglich unter Verschluss gehalten werden. Die Frage, ob das Brot früher geschnitten auf den Tisch kam oder erst dort vom Laib abgesäbelt wurde, entzweit Eheleute beim Mittagessen. Ota, der tschechische Koch, wird wegen mangelnder Rücksicht auf Steffens Gluten- und Connys Laktoseunverträglichkeit gerügt ("Das Eis tötet mich, der Brownie meinen Mann"). Der Zungenbelag wird vorgezeigt und was ein Schaber dagegen bewirken kann.

Dann ist auch das geklärt, jeder kehrt in seinen Liegestuhl zurück, friedvolle Routine kehrt ein. Der Kapitän steuert das Schiff, die Stewardess-Serviererin-Leinenfestmacherin Sabrina putzt die Kabinen, in der Küche brät Ota die Wachteln für den nächsten Tag. Die Passagiere befassen sich mit Schauen: weiße Wolken, strohblonde Stoppelfelder, ausladende Nussbäume, steuerbord drei Enten, backbord ein nackter Mann mit Strohhut, der sich aus dem hohen Gras erhebt. Es riecht nach sommerlichem Wasser und ein bisschen nach Diesel. Vor niedrigen Brücken aus Rost und fehlenden Planken hupt die Liberté und zieht ihr Sonnensegel ein. Überfliegendes Schattengitter.