Als der Riese Kua Fu eines Tages beschloss, die Sonne zu fangen, folgte er ihr von Ost nach West, trank unterwegs den Gelben Fluss und den Wei-Fluss leer, um seinen Riesendurst zu stillen – und starb doch, ohne seinem Ziel auch nur nahe gekommen zu sein. In der chinesischen Mythologie ist Kua Fu das Pendant zum altgriechischen Ikarus. Dessen Schicksal ist Sprichwort geworden: Wer der Sonne zu nahe kommt, stürzt tödlich ab.

Der Geist des Dädalus, der seinem Sohn die Flügel aus Federn und Wachs bastelte und ihn dann tragisch abstürzen sah, hat heute zum Beispiel die US-Raumfahrtbehörde Nasa erfasst. In deren Washingtoner Hauptquartier verantwortet der Physiker Arik Posner die Forschungsziele der Parker Solar Probe. Das ist jene Raumsonde, die seit vergangenem Sonntag unterwegs ist ins heiße Innere unseres Sonnensystems. Sie soll dabei so weit vordringen, dass sie sich an ihrer Vorderseite auf 1370 Grad Celsius aufheizen wird. So haben es die Dädalusse der Nasa berechnet. Da klingt es unglaublich, wenn Physiker Posner die erwartete Temperatur im Inneren der Raumsonde beschreibt. "Ganz angenehm" werde die bleiben, "etwa Zimmertemperatur" solle sie haben.

"Die Sonde selbst, die Instrumente und die Systeme liegen alle im Schatten des Hitzeschildes", sagt Posner. "Der besteht aus Karbonschaum und ist auf der Sonnenseite weiß angestrichen, um die Hitze zu reflektieren. Ich habe davon mal ein Stück in der Hand gehalten, das war sehr leicht." Das filigrane Material des Schildes wurde auf eine einzige Aufgabe hin optimiert: praktisch keine Hitze zu leiten. Die ganze achtjährige Missionszeit über muss der Autopilot des Raumfahrzeugs dafür sorgen, dass Parker aufs Grad genau mit dem Schild frontal zur Sonne ausgerichtet fliegt. Direkte Strahlung sollen nur zwei weitere Bauteile abbekommen, die Solarpanels. Vogelflügeln gleich kann Parker diese ausbreiten, wenn sie auf einer ihrer stark elliptischen Bahnen gerade weniger sonnennahe Gefilde durchfliegt. Selbst dort aber müssen die Sonnenkollektoren vor zu viel Sonnenenergie geschützt werden – mithilfe einer Wasserkühlung.

Der kuriose, an die alten Mythen gemahnende Aufwand ist nötig, um der Sonne näher zu kommen als je zuvor. Den Rekord halten bislang die beiden Helios-Sonden, benannt nach dem antiken Sonnengott. Das Duo, eine deutsch-amerikanische Gemeinschaftsmission, kam unserem Stern in den 1970er-Jahren mit 43 Millionen Kilometern näher als der innerste Planet Merkur auf seiner Umlaufbahn. Parker dagegen soll in sieben Jahren dauernder Umkreisung der Sonne bis auf sechs Millionen Kilometer nahe kommen.

Im Deutschen Museum in München lässt sich an einem Reserve-Exemplar der Helios-Sonden besichtigen, wie die Erbauer damals ihre Aufgabe gelöst haben: Die glänzend beschichteten Zylinder waren so konstruiert, dass sie unentwegt um sich selbst rotierten – und so nie zu lange mit einer Seite der Sonnenstrahlung ausgesetzt waren. Das ist bei der Parker-Sonde nicht mehr nötig. Hinter ihrem ultradämmenden Hitzeschild verbergen sich vier Messinstrumente, die zwei grundlegende Fragen der Sonnenphysik beantworten helfen sollen: Erstens, wie entsteht jene Korona genannte Glutzone, die von der Sonnenoberfläche aus mehrere Millionen Kilometer ins Weltall reicht und deren Plasma Temperaturen von einer Million Grad Celsius erreichen kann? Dagegen erscheint die weiter innen liegende Oberfläche der Sonne mit ihren 5500 Grad Celsius geradezu als kühl. Zweitens, was treibt den Sonnenwind an, jenen Strom geladener Teilchen, die von Zeit zu Zeit sogar die magnetische Abschirmung der Erde durchdringen und dann zum Beispiel Satelliten stören können? Große Rätsel der Sonne für die kleinen Gehirne der Bewohner ihres drittnächsten Planeten.

Heliophysiker planten schon Ende der 1950er-Jahre, als der Astrophysiker Eugene Parker, nach dem die Raumsonde benannt wurde, erstmals Sonnenwinde vorhergesagt hatte, eine Mission, die in einen Solarorbit geschickt werden sollte. Doch "jahrzehntelang bewegte sich die Idee nicht vom Wunschzettel", wie Science resümierte. Und nun, da die Amerikaner endlich Budget und Neugier unter einen Hut bekommen haben – sind auch andere auf eine ähnliche Idee gekommen. 2020 soll der Solar Orbiter starten, eine Forschungssonde der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, die mit etwas größerem Abstand ebenfalls die Sonne und deren Korona untersuchen soll. Ein kurioser Zufall? Gar eine Redundanz?

"Es scheint schon so, als seien beides ähnliche Missionen", sagt Jagdev Singh vom Indischen Institut für Astrophysik in Bangalore. "Aber es gibt ein paar entscheidende Unterschiede. Parker wird die Korona und den Sonnenwind vermessen, während der Solar Orbiter auch spektroskopische Bilder der Korona und Messungen der Sonnenscheibe macht." Und die Überlappung beider Missionen biete den Forschern zusätzliche Sicherheit. Singh erinnert an ein unrühmliches Beispiel aus den 1970er-Jahren, als während einer totalen Sonnenfinsternis von einem Flugzeug aus vermeintliche Schwingungen in der Korona gemessen wurden – die sich im Nachhinein als Artefakt der Kameraoptik herausstellten. "Deswegen glaube ich, dass es hilft, wenn zur gleichen Zeit ähnliche Untersuchungen mit unterschiedlichen Instrumenten gemacht werden."

Singh selbst ist der wissenschaftliche Leiter einer Mission, die 2019 oder 2020 ein Sonnenobservatorium ins All zu einem Lagrange-Punkt schicken will. (Dort wirken die Anziehungen von Erde und Sonne gleich stark, eine gute Position für eine dauerhafte Beobachtung.) Aditya-1 soll eine Premiere für die indische Raumfahrtorganisation Isro werden. Auch ihr Name bezeichnet eine Sonnengottheit, in diesem Fall die hinduistische.

Der Plan selbst erinnert an ein Vorhaben der Chinesischen Akademie der Wissenschaften vom Anfang der 2000er-Jahre. Das ambitionierte Projekt, das just nach dem mythischen Riesen Kua Fu benannt worden war, scheiterte: Der Geldfluss durch die Projektpartner versiegte, zuerst zogen sich die Kanadier, dann Ende des Jahres 2012 die ebenfalls beteiligten Europäer zurück. Sodass auch dieser Kua Fu verdurstete, ohne der Sonne auch nur nahe gekommen zu sein.

Mehr Informationen und eine Animation finden Sie unter: www.zeit.de/sonnensonde