Frankfurt hat abgestimmt. 84 Prozent sind dafür, dass die anstehende große Sanierung der Paulskirche für eine Rekonstruktion des Innenraums genutzt wird. Er soll wieder so aussehen wie 1848, als hier die Nationalversammlung tagte und die erste freiheitliche Verfassung für Deutschland beschloss, Basis unserer Republik bis heute.

Na ja, nicht die Frankfurter haben abgestimmt, schon wahr. Nur die Leser der Bild Frankfurt. Die Aktion demonstriert, was langsam allen klar wird: Der Zustand der Paulskirche in Frankfurts Innenstadt ist unhaltbar. Jahrzehntelang ignoriert und vernachlässigt, bietet der Gründungsort unserer Demokratie inzwischen das Bild einer einmaligen architektonisch-politischen Verwahrlosung.

Eine umfassende Neugestaltung muss her. Aber schon erheben sich die Bedenkenträger. Sie warnen vor der "Zerstörung eines einzigartigen Dokuments des Wiederaufbaus". Der Innenraum, den der Architekt Rudolf Schwarz 1948 in die kriegsverbrannte, entkernte Kirche hineinzwang, ohne Rücksicht auf die erhaltene klassizistische äußere Gestalt, sei "eine der bedeutendsten Raumschöpfungen der Nachkriegszeit in Deutschland und Europa".

Tatsächlich? Das Bild der Paulskirche prägt weniger kühne Moderne als ein phrasenhafter Archaismus. Schon der Eingangstrakt, die plastikweiße Tür, hinter der sich ein dämmriger Tunnelweg öffnet, verbreitet in seiner Mischung aus Woolworth und Walhall ranzige Trübnis. Vollends misslungen erscheint das willkürlich in den protestantischen Kirchenbau hineingestemmte kryptische Untergeschoss: eine katholische Tiefgarage, deren breitsäulige Pseudomystik frösteln lässt. Was soll hier Signum der Moderne sein?

Wenn die krude Inszenierung überhaupt etwas dokumentiert, dann das Unvermögen der ersten Nachkriegszeit, mit der Bedeutung des Ortes umzugehen. Dann nur das in zwölf Barbarenjahren verlorene Verständnis für den Geist der Demokratie und die Tradition des Parlamentarismus. Und dieses architektonische Geraune von Glaube, Schicksal, Sühne und Erlösung soll konserviert werden? Wozu?

Ob man das Innere nun rekonstruiert oder in moderner Form umgestaltet: Der demokratische Moment der Geschichte sollte zu erfahren sein. Und der parlamentarische Raum wiederhergestellt werden, vor allem die große Galerie.

Dieser Bau ragt über den Römer hinaus. Wie die Aufgabe, die endlich angepackt sein will. Hier ist, anders als die Bild-Zeitung meint, nicht nur Frankfurt gefragt – hier ist ganz Deutschland in der Pflicht.