DIE ZEIT: Herr Reiche, in diesen Tagen nehmen die europäischen Spitzenligen wieder den Betrieb auf. Mehr und mehr Vereine lassen sich mittlerweile von Oligarchen und Diktaturen finanzieren. Stört Sie das?

Danyel Reiche: Das Grundproblem: Viele Clubs in den europäischen Top-Ligen haben private Eigentümer, darunter amerikanische, chinesische oder russische Unternehmer. Das öffnet zwangsläufig auch die Türen für reiche autoritäre Staaten, die sich vom Besitz eines Vereins einen Reputationsgewinn erhoffen.

ZEIT: Paris Saint-Germain und Manchester City gehören Ländern wie Katar und Abu Dhabi, deren Regierungen wegen zahlreicher Verstöße gegen Menschenrechte bekannt geworden sind. Warum investieren solche Länder in den Fußball?

Reiche: Neymar wäre ohne die Katar-Krise niemals zu Paris Saint-Germain gewechselt: Im vergangenen Sommer setzte Saudi-Arabien Katar mit einer Land-, See- und Luftblockade unter Druck. Man forderte von Katar unter anderem, den Sender Al-Dschasira zu schließen. Indem die Katarer den Brasilianer für viel zu viel Geld zu ihrem Pariser Club lotsten, veränderten sie den Fokus der internationalen Berichterstattung. Für ein kleines Land wie Katar ist der Einkauf im Geschäft des Weltfußballs eine Investition in die nationale Sicherheit. Ohne Paris Saint-Germain und ohne die WM-Ausrichtung 2022 wäre Saudi-Arabien womöglich in Katar einmarschiert, so wie man es 2011 in Bahrain getan hat.

ZEIT: Ist diese Vermengung von Politik und Fußball in Ihren Augen wünschenswert?

Reiche: Clubs wie Manchester City oder Paris Saint-Germain profitieren von den Eigentümern aus der Golfregion. Sie investieren nicht nur in Beine, sondern auch in Steine: Sie bauen zum Beispiel erstklassige Jugendakademien auf. Wenn die Besitzer von heute auf morgen die Clubs verkaufen würden, würden sie immer noch eine gute Infrastruktur hinterlassen. Außerdem öffnet sich ein Staat wie Katar auch ein Stück weit zum Westen, weil er international als attraktiv gelten möchte.

ZEIT: Was begründet diesen Optimismus?

Reiche: Katar hat sein Bildungssystem erheblich ausgebaut. Frauen arbeiten und treiben Sport. Die Vielehe wird bis zur WM bestimmt nicht abgeschafft. Aber Katar weiß um die Bedeutung westlicher Werte für seine Anerkennung, da gehört auch das Frauenbild dazu. Das Land wird wohl einen Mittelweg zwischen den Kulturen finden.

ZEIT: Wie weit greifen die Scheichs in das Tagesgeschäft der Vereine ein?

Reiche: Die Scheichs lesen der sportlichen Führung jeden Wunsch von den Augen ab. Sie interessieren sich für die Positionierung der "Marke" und bestimmen die Kommunikationsstrategie.

ZEIT: Wie erklären Sie Fans von Manchester City, dass die Besitzer ihres Clubs Folter dulden?

Reiche: Folter ist nicht akzeptabel. Es ist wünschenswert, dass Fans nicht nur an der Aufstellung, sondern auch an der gesellschaftspolitischen Wirkung ihres Clubs interessiert sind. Und dies sollte nicht nur für Vereine gelten, deren Eigentümer aus autoritären Ländern kommen.

ZEIT: Die Golfstaaten üben noch auf andere Weise Einfluss aus: Ihre staatlichen Fluggesellschaften Emirates, Qatar Airways und Etihad konkurrieren um Sponsorenverträge mit ruhmreichen Vereinen wie dem FC Arsenal oder dem AC Mailand.

Reiche: Aus Sicht der Vereine ist das nachvollziehbar. Diese Airlines bezahlen oft mehr als üblich. Andererseits sind die Kooperationen mit den Sponsoren teilweise auch sehr umfangreich. Bayern München wird nicht bloß von Qatar Airways gesponsert, sie fahren auch nach Doha ins Trainingslager. Was die Vereine nicht machen dürfen, ist, zu sagen, dass man Politik und Sport nicht vermischen möchte. Das ist scheinheilig. Jede Handlung dieser Vereine ist politisch. Deshalb müssen die Vereine eine klare Haltung einnehmen und Missstände in den Ländern ansprechen. Mit deutschen Unternehmen gibt es ähnliche Probleme: Werder Bremens Trikotsponsor ist Wiesenhof, das Paradebeispiel für Massentierhaltung.