"Wir sind da. Macht euch fertig!" Noch vor ein paar Minuten klatschte das Aluminiumboot hart auf die Wellen. Die Taucher saßen gebeugt auf den niedrigen Bänken; schweigend, während ihnen die Gischt ins Gesicht spritzte. Im Hintergrund war erst die historische Bäderarchitektur von Sassnitz vorbeigezogen, dann kam uns ein Ausflugsschiff voller Rentner entgegen. Aus dessen alten Lautsprechern wehten Fetzen der Durchsagen hinüber, "... mit den Kreidefelsen als dem Wahrzeichen unserer schönen Ostseeinsel ...". Jetzt drosselt der Kapitän den Motor, schaut auf sein GPS-Gerät und deutet in die Tiefe.

An Bord des Schiffes sind eine Handvoll Forschungstaucher und ich, der Reporter der ZEIT . Die Umweltschutzorganisation WWF hat das Boot gechartert, damit die Besatzung an diesem Sommertag eine Todesfalle unschädlich macht, die zehn Meter unter uns liegt: ein "Geisternetz".

Geisternetze sind alte Fangleinen, Stell- oder Schleppnetze, die von Stürmen losgerissen, von Wellen verdriftet oder von Fischern über Bord geworfen wurden. Herrenlos treiben sie herum und werden immer wieder zur Todesfalle für Meeresbewohner wie Fische, Krabben, Robben, Schildkröten, Wale, aber auch für Seevögel. Die Meere sind voller Müll, und zehn Prozent ihrer gesamten Müllbelastung besteht aus altem Fischereigerät. Allein in der Ostsee sollen pro Jahr zwischen 5500 und 10.000 Netze verloren gehen, schätzen Wissenschaftler.

Eines davon wollen die Taucher heute bergen. Mit an Bord des kleinen Aluminiumboots sind Stefanie Werner, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Meeresschutz beim Umweltbundesamt, Tom Bär, der für das Meeresmuseum Stralsund Schweinswale erforscht, und Gabriele Dederer, Meeresbiologin beim WWF. Das Netz hatte ein Taucher vor einigen Monaten zufällig entdeckt. Immer wieder war er seitdem hinuntergetaucht, jedes Mal ist er dabei auf neue Fischkadaver gestoßen.

"Du gehst zuerst runter und schaust dir das Netz in Ruhe an", sagt Gabriele Dederer zu mir. Sie leitet den Einsatz. Wie fast alle an Bord hat sie die anspruchsvolle Ausbildung zum Forschungstaucher absolviert. "Wir wissen nicht, wie gut die Sicht unter Wasser ist. Du verschaffst dir einen Überblick. Dann kommt das erste Team runter und fängt an, das Netz zu bergen", sagt sie.

Mit mir soll ein Taucher nach unten gehen, der fast jeden Tag in die Ostsee steigt. Ich streife den Anzug über meine Schultern, schlüpfe in die Neoprenschuhe und lege die Weste an, in die wir vorher die Flasche mit der komprimierten Atemluft einhängen. 280 bar zeigt der Druckmesser. Ich setze die Tauchmaske auf und nehme den Atemregler in den Mund. Kalt schmeckt die gepresste Luft. Ich rutsche an den Bootsrand. Der Kapitän überprüft noch einmal unsere Position. Dann fragt er: "Bereit?"

Der WWF will bei diesem Tauchgang eine neue Methode ausprobieren, Geisternetze in großem Stil zu bergen – dafür fehlt bislang eine gute Idee. Vor ein paar Jahren hatte man es in Polen so versucht: Eine Flotte von 101 Kuttern durchkreuzte die Küstengewässer, ihre Kapitäne waren dafür bezahlt worden, statt Fischen Netze zu fangen. Mit einer metallenen Netzharke durchpflügten sie systematisch den Meeresgrund. Das war ein einigermaßen grobes, nicht eben zielgenaues Verfahren, das aber in Deutschland nicht funktionierte. Jetzt wollen sie es mit einer anderen Technik besser machen.

Zwei Monate vor dem Tauchgang. An der amerikanischen Westküste steigt ein Mann ins Flugzeug nach Deutschland. Clayton Fenn will den Umweltschützern hierzulande beibringen, den Ostseeboden wie ein Buch zu lesen. Sichtbar machen, was unter der Wasseroberfläche verborgen ist, das können nicht viele Menschen.

Fenn ist ein gemütlicher Typ, der schon mit 14 Jahren seinen Abschluss zum Klempner gemacht hatte, aber einfach nicht aufhören wollte zu lernen. Vor über 20 Jahren begann er im Puget Sound am Nordwestzipfel des Bundesstaates Washington damit, den Meeresboden abzusuchen. Heute ist diese Gegend das Vorzeigegebiet der Netzräumer. Nirgends wird so systematisch gesucht und geborgen, auch weil man dort inzwischen beziffern kann, welches Geschäft den Fischern entgeht, wenn herrenloses Gerät herumgeistert.