Die Forderung von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) klingt erst mal so, als könnte man ihr nicht widersprechen. Vergangene Woche forderte er von der EU: "Öffnet die Märkte für alle afrikanischen Güter." Insbesondere landwirtschaftliche Produkte müssten zoll- und quotenfrei eingeführt werden können. Nur so könne sich der Kontinent in eine Wachstumsregion verwandeln, sagte Müller der Welt.

Europäische Politiker sind wieder zu Verfechtern des Freihandels geworden, seit US-Präsident Donald Trump vermehrt Zölle auf ausländische Produkte erlässt. Denn Freihandel garantiert der EU trotz aller Probleme wirtschaftliche Stärke. Müllers Logik leuchtet daher erst mal ein: Gibt es mehr Freihandel, sollte auch Afrikas Wirtschaft stärker wachsen.

Das Prinzip ist einfach. Jedes Land fokussiert sich auf die Produktion dessen, was es im Vergleich zum Handelspartner am günstigsten herstellen kann. Der anschließende Handel und die insgesamt günstigere Produktion beider Länder sorgen für mehr und preiswertere Produkte für die Verbraucher. Am Ende steigt der Wohlstand in beiden Ländern.

Gerade dieser blieb vielen afrikanischen Ländern bisher jedoch verwehrt. Insofern klingt es allzu plausibel, was der Minister nun fordert. Und doch führt seine Idee in die Irre.

Denn zollfreien Zugriff auf den europäischen Markt gibt es für die meisten afrikanischen Länder längst – auch für Landwirtschaftserzeugnisse. Das EU-Programm "Alles außer Waffen" ermöglicht den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt seit 2001 komplette Zollfreiheit für Exporte in die EU. Das sind allein in Afrika 32 Staaten. Mit den zumeist weiter entwickelten Ländern im Süden Afrikas hat die EU Handelsverträge geschlossen, die ihnen zollfreie Exporte nach Europa garantieren. Nur für wenige Länder wie die wohlhabenderen nordafrikanischen Staaten gibt es Ausnahmen.

Das Problem ist ein ganz anderes. Die afrikanischen Staaten exportierten 2016 Waren im Wert von 116,7 Milliarden Euro in die EU. Tendenz fallend. Damit machte der Handel mit afrikanischen Staaten nur sieben Prozent der Importe aus. Acht Prozent der EU-Exporte entfielen auf Afrika. Für Deutschland waren es zuletzt sogar nur jeweils zwei Prozent der Ex- und Importe.

Oft heißt es, die europäischen Bauern würden zu hoch subventioniert und würden ihre Konkurrenz im Süden damit erdrücken. Doch das ist nicht der Hauptgrund. Zuletzt importierte die EU mehr Landwirtschaftsgüter aus Afrika als andersherum. Bedeutender sind hingegen die hohen europäischen Verbraucherstandards, die viele afrikanische Produzenten nicht erfüllen.

Die Lösung ist somit eine andere. Die afrikanischen Staaten müssen hochwertigere Produkte herstellen, untereinander handeln und mehr Investoren in die Länder locken. Bisher treiben sie gerade einmal 16 Prozent des Handels untereinander. Dabei liegt dort eine größere Chance, Industrien aufzubauen, als im Wettbewerb mit der EU. Die Produktivitätsunterschiede innerhalb Afrikas sind nämlich viel geringer im Vergleich zu Europa. Immerhin beschloss die Afrikanische Union Anfang des Jahres, eine Freihandelszone zu werden. Noch aber haben nicht alle Mitglieder zugestimmt.

Damit der innerafrikanische Handel zunimmt, ist vor allem ein Ausbau der afrikanischen Infrastruktur notwendig. Gerade dafür braucht es Kapital von außen. Afrika konnte 2017 aber nur 2,9 Prozent der weltweiten Investitionen anlocken, was auch daran liegt, dass Investoren sich nur engagieren, wenn Länder Rechtssicherheit und politische Stabilität bieten.

Einfache Handelsbedingungen allein sind kein Allheilmittel für die wirtschaftlichen Probleme auf dem afrikanischen Kontinent.