Erinnerung an Dresden, den 21. Juli 1994. Sechstausend Sachsen pilgern ans Elbufer, zum Sommernachtskonzert zweier ungleicher Barden. Zunächst der zappelige Lokalmatador. Seine Band heißt Seilschaft, zwischen den Songs wirbt er für die PDS. Der folgende Star ignoriert das Publikum und haut gleich drei Welthits raus: Jokerman, Just Like A Woman, All Along The Watchtower. Genauso wird Bob Dylan drei Wochen darauf auch beim Woodstock-Revival beginnen, vor 350.000 US-Amerikanern, allerdings ohne Gerhard Gundermann. Der stolpert wenig später über seine Stasi-Akte.

Dylan ist heute 77 und rastlos auf never ending tour. Gundermann starb 1998 völlig unerwartet mit 43 Jahren. Sein Leben hat nun Andreas Dresen verfilmt. Endlich erfährt man, was damals in Dresden hinter der Bühne passiert sein könnte. Tollkühn überwindet Gundermann die Zerberusse des Weltstars. Atemlos beobachtet seine Band, wie Dylan, der Unberührbare, Gundi huldvoll die Schulter tätschelt. "Was habt ihr denn gesprochen?" – "Och", sagt Gundi, "ich hab ihm bloß gesagt, mein Idol ist Springsteen."

Gerhard Gundermann ist ein Paradebeispiel der doppeldeutschen Öffentlichkeit. Im Osten kennt ihn jeder, im Westen fast keiner. Ein Film über ihn muss westwärts erklären; östlich muss er "stimmen". Dort wurde Gundermanns Karriere dokumentiert, die Weggefährten leben, die Fans erinnern sich genau. Das lässt wenig Spielraum. Dresen verbleibt weithin im verbürgten Rahmen. Doch moralisch stellt er seinen Helden zur Disposition.

Gundermann war schon in der DDR ein Unikum, an dem sich die Geister schieden. "Der singende Baggerfahrer" betrieb in der sozialistischen Musterstadt Hoyerswerda das Laientheater Brigade Feuerstein, benannt nach der Braunkohle. Viele Texte klangen nach Rotfunk. Der Nachwuchsgenosse Gundermann, naiv wie ein Jungpionier, hatte eigentlich "Kundschafter" werden wollen, zunächst Politoffizier. Die Offiziershochschule schmiss ihn raus, weil sein Singeklub sich weigerte, Armeeminister Heinz Hoffmann mit einem Ständchen zu huldigen. Gundermann fand, das sei unmarxistischer Personenkult. Auch im Tagebau und in der Partei riss er die Klappe auf. Poetisch wuchs er erstaunlich. Meisterlich gelangen 1989 seine Texte zum Album Februar der Rockband Silly. Es war der Soundtrack der Vorwende-Depression.

Gundermanns einheitsdeutsche Platten heißen Frühstück für immer und Engel über dem Revier. Sie handeln vom Drama der Industrieabschaltung, vom frühen Tod, vom Untergang der Lausitzer Heimat, den er mit seinem Abraumbagger mitbetrieb. Gundermann nannte sich "Tankstelle für Verlierer" und wurde zum Schutzpatron der Ost-Identität. Dann platzte die Stasi-Bombe.

Damit beginnt der Film, ein Bilderfries von Schlüssel-Episoden. 1995 erfährt Gundermann, seine Spitzel-Akte sei gefunden worden. Rasch besucht er Freunde und beichtet ein bisschen. Natürlich habe er "keinem geschadet". Niemand brüllt, heult oder haut dem Spitzel aufs Maul. Ein Kumpel gießt Schnaps ein und bekennt, auch er habe berichtet – über Gundi. Glückliche Entlastung, wechselseitig.

Dresen spult zurück: 1976 lässt sich Gundermann bereitwillig als "IM Grigori" werben – angeblich, damit sein Singeklub in den Westen reisen darf. 1984 endet die Kooperation der "Firma" mit dem anarchischen Genossen; fortan wird er geheimdienstlich behandelt. Im selben Jahr schasst ihn auch die SED.

Gundermanns Alibi? Glaube an den Sozialismus und dessen Schutzbedarf. DDR-Missstände, Schlamperei im Tagebau habe er seinem Führungsoffizier (im Film: Axel Prahl) angezeigt. Freilich war der reale IM Grigori, laut Alexander Osangs Akten-Befund von 1995, "ein verbissener, kleinkarierter Wichtigtuer", der anzinkte und verpetzte. Damit konfrontiert, zeigte sich Gundermann "sehr enttäuscht vom Verrat an mir selber". Vielleicht habe er den Leuten keine Privatsphäre zugebilligt, weil er selbst keine beanspruchte? Mehr Reue war nicht drin. Im Film zeigt eine befreundete Journalistin Gundermann seine Täterakte. Er möge sich in ihrer Zeitung erklären. Er versucht’s. Sie liest sein Herumgeeier und urteilt, wie wohl Dresen selbst: "Gundi, das reicht nicht."

Geschichte von unten

Andreas Dresen ist ein Regisseur mit Mission. Er kämpft um die Deutungshoheit von Biografien, arbeitet gegen das Verschwinden des Ostens in einer westlich geprägten Kultur- und Medienwelt, die selbst ostdeutsche Vergangenheit nach ihren Klischees zurichtet. Wie Gundermann erzählt Dresen Geschichte von unten, aus der Perspektive jener, denen sie zustößt. Ästhetisch waltet in seinem Film ein proletarischer Realismus, passend zur Arbeitswelt und dem Milieu der kleinen Leute, das Gundermanns Welt blieb, 143 Kilometer südöstlich von Berlin.

In Dresens früheren Filmen wie Halbe Treppe, Sommer vorm Balkon, Wolke 9, Halt auf freier Strecke wurde improvisiert. Gundermann entbehrt diesen semidokumentarischen Reiz. Alles wird faktentreu reproduziert: die rote Emailletasse in der Baggerkabine, die Mondlandschaft der ausgekohlten Lausitz, Hoyerswerdas mürbe Moderne, das Spreetaler Häuschen der Gundermanns. Auch die Hauptgestalt bleibt unverfremdet. Alexander Scheer – mit Fleischerhemd und dünnem blondem Zopf – spricht, singt und schnieft wie das Original, er stupst sich Gundis Riesenbrille auf die vorbildlich modellierte Nase. Freier agiert die Südtirolerin Anna Unterberger als Conny, die zunächst zwischen Gundi und ihrem Gatten, einem Bandkollegen, schwankt. Hoffentlich trägt diese Liebesgeschichte den Film zum gesamtdeutschen Publikum. Der Anti-Ostalgiker Dresen erzählt ja nicht bloß für daheim. Er will vermitteln; er verweigert sich jedem Identitäts-Trotz; er spaltet das Ost-Kollektiv, wenn er Sankt Gerhard entweiht. Wahrhaftigkeit geht vor, auch wenn sie schmerzt. Jenseits der Filmerei singt Dresen in einer Band mit Axel Prahl: Lieder von Gundermann.

Gerhard Gundermann war ein lebenspathetischer Kunstarbeiter, der sein Brot werktätig verdienen wollte. Er zwang sich zu einem ruinösen Doppelleben und glaubte, drei Stunden Schlaf seien genug. Der Hirnschlag traf ihn schlafend, in der Sommersonnenwendnacht zum 21. Juni 1998. Eine Woche zuvor war er im Prignitz-Dörflein Krams zum letzten Mal aufgetreten. Damit endet Dresens Film. Man blickt ins Publikum, eine flüchtige Volksgemeinschaft, die bei diesem Sänger Behausung und Zugehörigkeit empfindet. Es ergreift und verstört. Noch einmal entfaltet er sein Universum der Provinz. Immer wieder schaut der Tod ins Lied, die Zyklik des ewigen Lebens.

"immer wieder wächst das gras
wild und hoch und grün
bis die sensen ohne hass
ihre kreise ziehn
immer wieder wächst das gras
klammert all die wunden zu
manchmal stark und manchmal blass
so wie ich und du"

Zum Film, der am 23.8. anläuft, erschien das Buch "Gundermann. Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse ..." hg. von Andreas Leusink (Ch. Links Verlag). Gerhard Gundermanns CDs sowie zwei Dokumentationen von Richard Engel und den Soundtrack zum Film vertreibt das Berliner Label Buschfunk