Andreas Dresen ist ein Regisseur mit Mission. Er kämpft um die Deutungshoheit von Biografien, arbeitet gegen das Verschwinden des Ostens in einer westlich geprägten Kultur- und Medienwelt, die selbst ostdeutsche Vergangenheit nach ihren Klischees zurichtet. Wie Gundermann erzählt Dresen Geschichte von unten, aus der Perspektive jener, denen sie zustößt. Ästhetisch waltet in seinem Film ein proletarischer Realismus, passend zur Arbeitswelt und dem Milieu der kleinen Leute, das Gundermanns Welt blieb, 143 Kilometer südöstlich von Berlin.

In Dresens früheren Filmen wie Halbe Treppe, Sommer vorm Balkon, Wolke 9, Halt auf freier Strecke wurde improvisiert. Gundermann entbehrt diesen semidokumentarischen Reiz. Alles wird faktentreu reproduziert: die rote Emailletasse in der Baggerkabine, die Mondlandschaft der ausgekohlten Lausitz, Hoyerswerdas mürbe Moderne, das Spreetaler Häuschen der Gundermanns. Auch die Hauptgestalt bleibt unverfremdet. Alexander Scheer – mit Fleischerhemd und dünnem blondem Zopf – spricht, singt und schnieft wie das Original, er stupst sich Gundis Riesenbrille auf die vorbildlich modellierte Nase. Freier agiert die Südtirolerin Anna Unterberger als Conny, die zunächst zwischen Gundi und ihrem Gatten, einem Bandkollegen, schwankt. Hoffentlich trägt diese Liebesgeschichte den Film zum gesamtdeutschen Publikum. Der Anti-Ostalgiker Dresen erzählt ja nicht bloß für daheim. Er will vermitteln; er verweigert sich jedem Identitäts-Trotz; er spaltet das Ost-Kollektiv, wenn er Sankt Gerhard entweiht. Wahrhaftigkeit geht vor, auch wenn sie schmerzt. Jenseits der Filmerei singt Dresen in einer Band mit Axel Prahl: Lieder von Gundermann.

Gerhard Gundermann war ein lebenspathetischer Kunstarbeiter, der sein Brot werktätig verdienen wollte. Er zwang sich zu einem ruinösen Doppelleben und glaubte, drei Stunden Schlaf seien genug. Der Hirnschlag traf ihn schlafend, in der Sommersonnenwendnacht zum 21. Juni 1998. Eine Woche zuvor war er im Prignitz-Dörflein Krams zum letzten Mal aufgetreten. Damit endet Dresens Film. Man blickt ins Publikum, eine flüchtige Volksgemeinschaft, die bei diesem Sänger Behausung und Zugehörigkeit empfindet. Es ergreift und verstört. Noch einmal entfaltet er sein Universum der Provinz. Immer wieder schaut der Tod ins Lied, die Zyklik des ewigen Lebens.

"immer wieder wächst das gras
wild und hoch und grün
bis die sensen ohne hass
ihre kreise ziehn
immer wieder wächst das gras
klammert all die wunden zu
manchmal stark und manchmal blass
so wie ich und du"

Zum Film, der am 23.8. anläuft, erschien das Buch "Gundermann. Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse ..." hg. von Andreas Leusink (Ch. Links Verlag). Gerhard Gundermanns CDs sowie zwei Dokumentationen von Richard Engel und den Soundtrack zum Film vertreibt das Berliner Label Buschfunk