Das Kino des Gus Van Sant wird von einer halb glamourösen, halb verzweifelten Parade der Außenseiter bevölkert. Man denke an die Drugstore Cowboys seines gleichnamigen Debüts aus dem Jahr 1989, in dem eine Gruppe Drogenabhängiger im Nordwesten der USA Hospitäler und Apotheken überfällt, um an Stoff zu kommen. An Nicole Kidman als verbissene Provinzwetterfee, die in To Die For als Leiche im See endet. An die Highschool-Attentäter in Elephant, die von Ego-Shooter-Spielern zu Massenmördern werden. Da ist der Kurt Cobain nachempfundene, in sich selbst gefangene Popstar in Last Days oder auch der mit einem tödlichen Unfall hadernde Skater aus Paranoid Park. In all diesen Filmen nimmt Van Sant ein Amerika in den Blick, dessen Peripherien quasi Wundränder der Gesellschaft bilden.

Auch John Callahan, der Held seines neuen Films Don’t Worry, weglaufen geht nicht, ist eine Randfigur, und zwar bereits bevor ihn seine eigene Dummheit ins Unglück stürzt. Ein schwadronierender Alkoholiker, immer auf der Suche nach der wildesten Party, dem witzigsten Spruch, dem endlosen Rausch. Ein Zeitgenosse mit verquerem Charme, der seiner seit je abwesenden Mutter die Schuld an allem gibt. Bis er im Suff einen schweren Autounfall hat und auf der Intensivstation aufwacht. "Sie werden wahrscheinlich für immer gelähmt sein. Aber draußen ist ein schöner Sonnenaufgang", sagt der Arzt.

Damit ist der Grundton gesetzt in einem Film, der in einer zwischen den Siebziger- und Achtzigerjahren hin- und herspringenden Rückblende erzählt, wie sich ein Mensch ein eigenes Leben, sogar einen Lebenssinn erkämpft – mit seiner Behinderung und trotz der rigiden Sozialarbeiterin, die genau wissen will, woher John das Geld für das Poster im Wohnzimmer hat. Sie repräsentiert einen Staat, der Menschen wie Callahan nicht nur ihre Rolle, sondern auch die Regeln vorschreiben will. Dass er damit nicht einverstanden ist, zeigt schon die Art, wie er im Rollstuhl unterwegs ist – so schnell, wie es die Technik in den Kurven gerade noch erlaubt.

Immer wieder inszeniert Gus Van Sant seinen Helden als auf den Straßen dahinsausenden Tausendsassa. Joaquin Phoenix spielt ihn mit fast schon resignativer Brillanz, mit genau dem richtigen Quantum an Nonchalance, wütender Ohnmacht und Verblüffung, etwa wenn Callahan an einem Bordstein mit dem Rollstuhl umkippt und sogleich ein paar gut erzogene Teenager herbeieilen, um ihm aufzuhelfen. Das Geld fürs Poster hat John jedenfalls selbst verdient mit Karikaturen, die so bösartig, verstörend und erhellend sind wie er selbst. Schwarze, Behinderte, Nonnen und der Mensch an und für sich: Jeder bekommt hier sein Fett weg – schließlich ist es eine Frage der Demokratie, niemanden auszuschließen: Inklusion infernal in einem Land, dessen Sozialgefüge zu Tode gespart wird ("Ihr Rollstuhl ist zu oft kaputt!", sagt die Sozialarbeiterin).

Zu zeichnen beginnt John Callahan – wiewohl er die Arme nur eingeschränkt bewegen kann –, als er nach seinem schweren Unfall im Jahr 1972 mehr oder weniger widerwillig das Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker absolviert und sich im College für Kunst einschreibt. Beiläufig, ja mühelos verbindet die Regie Animationen seiner Cartoons mit dokumentarisch anmutenden Aufnahmen sowie mit Traumbildern, in denen der Mann im Rollstuhl immer wieder Artisten in einem Park zu sehen meint.

Sie sind Boten eines Jenseits, für das Callahan dann doch noch nicht bereit ist und das Van Sants Drehbuch auch explizit anspricht, wenn John von seinem AA-Mentor Donnie (Jonah Hill) zum hilfreichen Bezug auf eine höhere Macht geraten wird. Allerdings könne man sie ruhig "Chucky" nennen, so wie die legendäre Puppe aus dem Horrorfilm.

John Callahan schrieb zehn Bücher (der Film folgt seiner Autobiografie Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot), entwickelte zwei TV-Animationsserien und einen Kurzfilm, der auf seinen Zeichnungen beruht. Der 2010 verstorbene Künstler lebte in Portland, Oregon, wo auch Gus Van Sant aufwuchs. Mit diesem Film ist der Regisseur nun zum Ort seiner Anfänge zurückgekehrt. Er entlässt uns mit der Utopie, dass Kunst tatsächlich Erlösung verspricht.