Jetzt ziehe ich also für einen neuen Job nach Berlin und frage mich: War ich in Hamburg nur zu Hause, oder ist die Stadt meine Heimat geworden? Heimatgefühle sind oft nostalgisch und utopisch getönt, Sehnsucht nach Vergangenem vermischt sich mit einer Idee von etwas Höherem, Besserem. Ich glaube aber, dass Heimat keine Retroveranstaltung sein sollte und auch keine Wunschversion von dem Ort, an dem man lebt. Ich denke, dass Heimat ein aktuelles, sich im Alltag einstellendes und bewährendes Empfinden bedeutet. In diesem Sinne hat Hamburg es mir leicht gemacht, heimisch zu werden.

Ich spreche als 50-jähriger Vertreter der Mittelschicht, wohnhaft in Eppendorf. Ich weiß nicht, wie sich ein 20-jähriger Friseurlehrling fühlt, der von Schwerin nach Hamburg zieht, oder eine alleinerziehende Mutter, die, aus München kommend, hier eine Bleibe für sich und ihre Kinder sucht. Ich weiß nur, dass es ein massives Wohnungsproblem gibt, dass die Stadt stärker segregiert ist als zum Beispiel Berlin, auch wenn sich der Senat Mühe gibt, ärmere Gegenden nicht verkommen zu lassen und den Kampf um Wohnraum zu entschärfen. Ich weiß andererseits, dass sich diese mit viel Geld und Pragmatismus regierte Stadt in der sogenannten Flüchtlingskrise ziemlich gut und großzügig verhalten hat.

Wäre Heimatverbundenheit an ein politisch gutes Gewissen gekoppelt, könnte ich sagen: Ich war gern hier, weil sich die Hamburger an den richtigen Stellen anstrengen. Ehrgeiz, aber nicht um jeden Preis (siehe Olympia). Tapferkeit, wenn es darauf ankommt (siehe während und nach G20).

Aber Heimatgefühle werden nicht aus soziologischen Einschätzungen gemacht. Sie haben etwas sehr Konkretes, Persönliches, manchmal sogar Irrationales.

Ich möchte mich bei der Stadt bedanken. So rührselig es klingt, ich glaube, dass Heimischsein immer an Dankbarkeit gekoppelt ist, und diese Dankbarkeit kann so vertrackt sein, dass man am Ende Dinge schätzt, die einen eigentlich nerven (die Berliner wissen sehr genau, was ich meine. Sie hegen eine Hassliebe zur eigenen Schroffheit).

Wie viele Hamburger mag ich die Alster, wobei ich es eigentlich nicht so mit Wasser habe. Aber für die Alsterwiesen bin ich dankbar, für die weißen Stühle, auf die man sich dort setzen kann. Dann fühlt man sich wie ein Schlossherr im eigenen Park. Dass diese Bühne des Wohlstands zugänglich ist für alle – inmitten eines Immobilienprunks, der Investoren berauscht und Touristen zu Gaffern herabsetzt –, das finde ich toll.

Ähnlich geht es mir mit dem Jungfernstieg: ein prächtiges Areal, eine Luxusmeile im Jargon des Stadtmarketings, aber die Treppen am Wasser sind ein Forum für verschiedenste gesellschaftliche Gruppen geworden. Migrantische Jugendliche, Touristen, vom Shopping erschöpfte Bürger, sie alle kommen dort zusammen, und noch so viel Genervtsein von krakeelenden Teens oder mit ihren Autos herumkurvenden Halbstarken kann nicht verhindern, dass ich mich darüber freue, wie sich Hamburg ausgerechnet an diesem Ort ein paar soziale Kanten und Scharten zugelegt hat.

Ich mag Backstein, überall und in allen Varianten. Backstein in der Neustadt, Backstein in Barmbek, Backstein in Winterhude. Ich finde die Jarrestadt so schön, dass ich eine Zeit lang hingefahren bin für einen Spaziergang. Wenn die Häuserzeilen um die Kurve gehen, wie das auch am Gänsemarkt der Fall ist mit dem Deutschland-Haus, vermittelt mir das ein Gefühl von Heimischsein. Ich werde den Backstein vermissen.