Auf seine alten Tage – er ist jetzt 84 – hat Adolf Muschg einen jugendlich schlanken und zugleich wunderbar vielschichtigen Roman geschrieben. Er liest sich leicht, obwohl er von den letzten Dingen handelt, und die Liebesgeschichte, die er erzählt, ist gerade so unglaublich, dass man sie nur zu gern glaubt.

Heimkehr nach Fukushima – damit ist jene japanische Region gemeint, in der sich 2011 die zum Schreckensbild gewordene Nuklearkatastrophe ereignet hat. Sie führte in Deutschland zum Ausstieg aus der Atomenergie, in Japan hingegen nicht. Warum? Das ist eine der Fragen, mit denen sich die Hauptfigur der Erzählung, der 62 Jahre alte Schweizer Schriftsteller Paul Neuhaus, herumschlägt.

Auf Einladung eines befreundeten Paares, des Verlegers Ken und der Übersetzerin Mitsu, reist Paul nach Japan. Der Bürgermeister einer evakuierten Kleinstadt, ein Onkel von Mitsu, hat sich in den Kopf gesetzt, die Bewohner zur Heimkehr zu bewegen. Seine These: Die gesundheitlichen Risiken seien nicht so groß wie die sozialen. Der Verlust der Heimat, die seelische Entwurzelung seien schlimmer als die Strahlengefahr. Paul, der auch in Japan bekannte Schriftsteller, möge dabei helfen, eine Künstlerkolonie aufzubauen, die den Menschen wieder Mut mache.

Paul fühlt sich durch dieses Ansinnen ebenso geschmeichelt wie überfordert, aber bevor er darauf antwortet, will er erst einmal "die Zone" unter der Anleitung von Mitsu besichtigen. Sie haben Schutzanzüge eingepackt, und wenn der Geigerzähler am Armaturenbrett die Markierung überschreitet, werden sie sich umkleiden.

Sie gelangen in eine beschädigte Welt: "Die Leere war erschreckend, weil die Häuser immer noch intakt aussahen. Vor vielen standen geparkte Autos, erkennbar seit Monaten, Jahren unberührt. Die Geschäfte, Läden, immer noch mit gefüllten Regalen, kaum beschädigter Reklame, großen Fenstern, starrten auf vergraste Parkplätze." Und er fragt sich: "Wie hatte er sich hierher verloren? Was gab es für ihn immer noch zu finden? Nein, es waren keine Geisterstädte, sie hielten das brüchige Bild ihrer Wohlbehaltenheit fest – das war das wahrhaft Unheimliche. Diese Dörfer waren stillgelegt, nicht tot."

Die beiden Reisenden, der ältere Mann und seine deutlich jüngere Führerin, begegnen einer Frau, die den letzten Wunsch ihres verstorbenen Mannes erfüllt und das Feld von Unkraut befreit, obwohl der Reis weder geerntet noch verzehrt werden darf. Sie begegnen einem Mann, der die zurückgelassenen Rinder mit Wasser und Futter versorgt, obwohl sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind. "Vielleicht ist das Ende ja schon lange eingetreten, sagte Mitsu, wir merken nur nichts davon, und es tut gar nicht so weh, wie wir immer gedacht haben."

Ist es dieses Endzeitgefühl, das die beiden jäh zueinandertreibt? Als würde die radioaktive Strahlung ihre Begierde nur noch heftiger in Brand setzen. Sie entledigen sich ihrer Schutzanzüge und versuchen, zueinander- und ineinanderzukommen, anfangs stehend, um den verseuchten Boden nicht zu berühren, bis sie straucheln und endlich fallen. Eine derart leidenschaftliche und groteske Liebesszene hat man selten gelesen.